Mittwoch, 16. Juli 2014

Museumsbesuch




Der Wetterbericht hat Regen für den Sonntag vorhergesagt. Das bedeutet: Wenn wir wünschen, dass unsere Wohnung auch danach noch betretbar ist, sollten wir uns tunlichst ein Programm außerhalb unserer vier Wände ausdenken. Ich plädiere für das Deutsche Museum, ebenso Papa, Felicitas und Timmy. Mario bittet mich, den Begriff „furzlangweilig“ benutzen zu dürfen. Ich gebe ihm einen Minuspunkt pro „furzlangweilig“ (bei 5 Minuspunkten gibt es Fernsehverbot), aber schenke ihm 2 Gratis-„furzlangweilig“. Er rechnet sich anscheinend korrekt aus, dass er 6 Mal „furzlangweilig“ sagen darf, bevor es ernst wird. Sag ich doch, Museum bildet!
Gleich am Eingang gelangt man in einen beeindruckenden Raum voller riesiger Segelschiffe. Auch die Materialien, aus denen sie geschaffen wurden, sind ausgestellt. Timmy betrachtet interessiert Sägen und Äxte. „Was ist das? Kann man damit MENSCHEN TÖTEN?“ Seufz. Gibt’s hier vielleicht auch eine Axtmörder-Abteilung?
Bevor das hier ausartet, gehen wir lieber gleich mal ins „Kinderreich“. Das heißt Ausflippzone ohne böse Museumwärter etc. Ich entspanne mich mit meinem Mann in einer Art Glaskasten, in dem sich ein Riesenxylophon, ein Piano und 5 Trommeln befinden. Herrlich, diese Ruhe (wie tief sind wir gesunken…)! Leider ist kurze Zeit später Timmy verschwunden. Eigentlich kein Problem, aber was ist, wenn er das „Kinderreich“ heimlich verlassen hat? Das Deutsche Museum beherbergt „die größte naturwissenschaftlich-technische Sammlung der Welt“ mit 28000 Exponaten, so dass ich dann hinter jedem einzelnen Timmy suchen kann!!! Werde ich ihn überhaupt noch wiedererkennen, wenn ich ihn endlich gefunden habe? Leichte Panik steigt in mir auf. Mein Mann muss seinen Ruheplatz neben dem von frenetischen Zwergen malträtierten Riesenxylophon verlassen und gemeinsam mit Mario losgehen. Zum Glück taucht Timmy bestens gelaunt wieder aus irgendeiner Dunkelkammer auf.
So! Wenn ich auch hier dauernd Kinder suchen muss, machen wir eben gleich Schluss mit dem Kinderkram, ich will jetzt was Gescheites sehen, ab in die Astronomie. Mein Mann bittet mich ihm die von Hubble entdeckte Rotlichtverschiebung genauer zu erklären (je weiter entfernt von der Erde, umso größer die Rotlichtverschiebung). Hmmm. Ich lese die Erläuterungen und rüttle anmutig-weise an zwei Schiebern mit dem Lichtspektrum, anhand derer einem intelligenten Museumsbesucher anscheinend alles klar wird. Hmmm… Im Augenwinkel sehe ich Felicitas im Halbdunkel hinter einem Teleskop verschwinden. Entweder ich steigere mich da jetzt rein und ich kann Felicitas sechs Stunden lang im Museum suchen oder – verdammt, jetzt aber schnell hinterher. TJA, MÄDELS, DARUM KRIEGEN WIR AUCH NIE DEN PHYSIK-NOBELPREIS! Schon mal drüber nachgedacht?
Das interessiert Felicitas jedoch nicht die Bohne! Obwohl sie die ganze Zeit herumzappelt, ist der Besuch des Foucault`schen Pendels Pflicht – (wer’s nachmachen will: Pendel in ca. 60 Meter Höhe aufhängen, Markierungen am Boden machen, dann sieht man, wie sich der Boden unter dem Pendel aufgrund der Erdrotation weiterbewegt). Ich finde das sehr beeindruckend, noch mehr allerdings, dass keines meiner Kinder den Minizaun überwindet, um dort herumzuschwingen und damit in den Augen des Pendels für eine unerklärliche Beschleunigung der Erdbewegung zu verursachen. Keiner benutzt das fl-Wort. Ein voller Erfolg!
Ich muss zwar kritisch anmerken, dass der Besuch der „größten naturwissenschaftlich-technischen Sammlung der Welt“ nicht ausreichend ist, um meinen Kindern auch nur das geringste Anzeichen von Müdigkeit abzuringen. Aber schön war’s trotzdem.

Dienstag, 15. Juli 2014

Geschwisterliebe/-hiebe

Ich bin ja eigentlich sehr froh darüber, drei Kinder zu haben – allein schon, um den drohenden Testosteron-Überschuss hier etwas auszugleichen. Sehr schade nur, dass sie alle Geschwister sind! Um es einmal vorsichtig auszudrücken: Das Beziehungsgeflecht zwischen Geschwistern ist derart komplex, dass wir Eltern mit unserem simplen Erwachsenen-Denken damit schlicht überfordert sind. Geschwisterrivalität ist irgendwas, das einen sozial irgendwie angeblich weiterbringt, Eltern sollen jedem gerecht werden, dann: Friede, Freude, Eierkuchen, blabla. Hallo, das Blag zieht den anderen schon wieder an den Haaren! Die Sirene heult auf! Verdammt noch mal, ich kann’s nicht mehr hören! Ab in den Garten mit Euch! Es regnet wie Sau. Na und. Timmy und Mario führen dort einen Boxkampf auf, der Vitali und Wladimir das Fürchten lehrt. Beide sind klatschnass, aber zwischen den gellenden Schmerzensschreien euphorisch. Anschließend bekommt der augenscheinliche Verlierer von Mario einen sehr schönen Gipsverband aus Haushaltspapier und eine Wollschlinge, der diesen aufs Äußerste entzückt. Bevor er seinem Heiler zum Dank die korrekte Ausführung eines Saltos vorführen kann, muss er allerdings noch seiner Schwester das Auto, das er in den vergangenen drei Jahren niemals eines Blickes gewürdigt hat und mit dem sie friedlich spielt, wegnehmen: „Das ist meins!“ Sirene!!! Jetzt ist Timmy zufrieden! Jetzt noch schnell mit dem Auto unterm Arm den Salto schlagen! HEEEEEUUUUUL!!!! SPRING-SPRING! HEEEEUUUUL!!!! SPRING-SPRING!!!
Da ich ja selbst einen Bruder habe, muss ich zugeben, so ganz fremd ist mir das Ganze nicht. Mit einer gewissen Grundlangeweile im Blut gibt es nicht Geileres, als dem kleinen Bruder mit Schmackes eine reinzuhauen. Und ich bewundere heute meine Eltern, wie sie es zum Beispiel geschafft haben, mit uns im Auto nach Finnland zu fahren, und zwar nicht auf dem direkten Weg (1300 km), sondern über Schweden (2000 km), da die Fähre dort billiger war und Reisen sehr teuer. Ohne DVD-Player, Radio, Klimaanlage oder sonstigen Schnickschnack, wie das damals in der Steinzeit halt so war. Klar war, dass nach 200 km die ersten Krisen begannen. Ich prüfte zum Beispiel, wie mein Bruder auf einen Backenschnipp reagiert (Zeigefinger und Daumen auf Äußerste anspannen, die Backe des Kleinen anvisieren – SCHNIPP!), dann die klassische Brennnessel, usw. Das prüfte ich sogar sehr oft! Ich erinnere mich, dass wir meinen Vater, der ein absoluter Zen-Meister der Geduld ist, irgendwann in Mittelfinnland soweit hatten, dass er kategorisch erklärte, wir müssten jetzt beide sofort aussteigen, auf Wiedersehen! Und er fuhr tatsächlich los… drehte natürlich wieder um, sonst säße ich ja nicht hier. 100 km Ruhe, bis der nächste Backenschnipp usw. …Ich fragte mich damals, was haben die Alten nur… Jetzt frage ich mich ehrfürchtig: Wie haben die das bloß ausgehalten, und gestehe, ich winke bei Autofahrten über 200 km feige ab.
Es hat natürlich auch Vorteile von Geschwisterkindern. Viele kennen die viel gefürchtete Aussage: „Mama, mir ist langweilig!“ Ein Satz, den ich von meinen eigentlich sehr gerne jammernden Kindern noch nie gehört habe. Denn was würde dann passieren? Entweder ich ranze sie - an schlechten Tagen - böse an oder ich mache - an guten Tagen - etwas pädagogisch Sinnvolles wie Malen, interessante Lernspiele mit geometrischen Formen, Puzzles mit allen europäischen Ländern etc. JA DANKE AUCH! Wieso sollte ich mir DAS antun, wenn ich auch lustige Tierversuche an meinem Bruder durchführen kann???
Aufgrund der Größe der Crew bin ich auch nicht mehr auf fremde Hilfe angewiesen, wenn ich zum Beispiel allein mit den Kindern unterwegs bin. Man kennt es ja: U-Bahn, S-Bahn, der Fahrstuhl funktioniert mal wieder nicht oder es gibt einfach keinen. Jahrelang musste ich dann schwitzend zwei Kinder tragen und den Buggy mit meiner dritten Hand hinter mir herziehen oder auf jemanden warten, der mir hilft. Tatsächlich hat sich neulich sogar eine rüstige Rentnerin die Felicitas einfach geschnappt und die Treppe heruntergetragen. Echt nett! Aber was für ein herrlicher Triumph ist es für mich, wenn ich sagen kann: Nein danke! Vitali und Wladimir machen das! Und seht, ICH schwitze nicht (der Angstschweiß, der mir während der Fahrt und während des Umsteigens auf die Stirn tritt, ist bereits getrocknet).
Das Tollste ist der Gruppendruck! Also: Wenn einer es geschnallt hat, zieht der Rest mit. Beispiel: Felicitas hat ein Messer in der Hand und schlägt damit unkontrolliert auf den Tisch. Ich könnte es ihr jetzt wegnehmen und ein Riesengeheule würde losgehen, das in der nächsten halben Stunde nicht abflauen wird. Ich sage „Timmy…“ und deute auf das entfesselte Mädel. Timmy nimmt ihr das Messer weg, gibt ihr ein Brett und zeigt, wie sie schneiden soll. Felicitas lacht zufrieden und macht es ihm nach. Könnte ich das nicht auch so machen? Nein, liebe LeserInnen, das geht zwar in unsere komischen Erwachsenenhirne nicht rein, aber es funktioniert leider nur, wenn das jemand unter 1,30 m tut. Sorry, Mama.
Und welch Balsam für die gestresste Mütterseele ist der Petzalarm. „Mama, Felicitas haut mit der Gabel auf den Fernseher!“ (Fernseher gerettet!), „Mama, Timmy spritzt im Bad das ganze Wasser herum!“ (muss das Bad also nur fünfmal statt sechsmal am Tag putzen!), „Mama, Timmy haut Felicitas!“ – „Grein! Stimmt ja gar nicht, Felicitas hat meine ganzen Fußballkarten in die Badewanne geschmissen!“ „Pupallkarten! Pupallkarten!“ Felicitas hat noch weitere gefühlte 2000 Fußballkarten in der Hand und rast laut und glücklich lachend damit davon. Der Pupallkarten-Besitzer hinterher. Jetzt gibt es richtig Ärger… Kurze Zeit später sitzen beide glücklich vereint über Timmys Fußballalbum und sortieren die Karten ein. Es gibt nur eine mögliche Fortsetzung der Geschichte: Großmeister Mario kommt von hinten angeschlichen und schnappt sich Manuel Neuer. Daraufhin wird Felicitas so ein trommelfellberstendes Geschrei aufführen, bis er ihn wieder rausrückt… dann wird Timmy… dann wird Mario… äh was wollte ich damit eigentlich sagen? Ach, was soll’s. Ich werde wahrscheinlich eh bald taub sein.

Donnerstag, 10. Juli 2014

Schöner Wohnen mit Kindern

Früher hat man sich ja viele Gedanken gemacht: Form und Material der Möbel, Feng-Shui-Ausrichtung, dass das gute Karma nicht den Toilettendeckel schrammt und sich in die falsche Richtung verirrt, Magnetfelder und Wasseradern, die den empfindlichen Schlaf des Kinderlosen stören könnten, psychologische Auswirkung der Farbkompositionen etc. pp.
Mit Kindern verändern sich die Wunschvorstellungen ein wenig. Kurz zusammenfasst: Ideal wäre eine schallisolierte Großraum-Gummizelle. Die optimale Farbgestaltung bewegt sich changierend zwischen Sand – Popel – Schoko mit unterschiedlich großen roten, gelben, grünen und blauen Punkten, um sämtliche Eventualitäten abzufedern. Schwebeschränke fahren die kostenbare Habe von Mama und Papa in unerreichbare Höhen. Ein besonders hübsches Detail ist der Wisch- und Staubsaugroboter, der automatisch hinter jedem Kind herfährt, und der kleine Schaufelbagger, der, wie der Hersteller stolz verspricht, stündlich bis zu 150 kg Spielsachen zusammenkehrt und in eine große garagenähnliche Box schiebt. Pünktlich um 20 Uhr springt die Programmierung um, und der Bagger fährt seine große Spezialzange aus, um die lieben Kleinen sanft, aber unerbittlich ins Bad zu bugsieren. Über einen Lautsprecher hören sie die Ansage, gesprochen von Mama: „Jetzt aber sofort Zähneputzen! Und beim Pieseln bitte hinsetzen!“ (während Mama entspannt in ihrem GEHEIMZIMMER einen Liebesfilm mit dem frühen Antonio Banderas betrachtet). Besonders goldiges Detail: Der Fußboden des Bades ist mit Fliesen ausgestattet, auf denen täuschend echt das Muster von Socken, Unterhosen und Haaren nachgebildet ist. Sollten allerdings die Originale oder gar wässrige Strukturen in Zusammenhang mit der Toilette den Boden berühren, geht sofort ein gellender Alarm los: „Mario, Timmy, Felicitas, wenn Ihr die Sauerei nicht sofort beseitigt, habt Ihr Fernsehverbot FÜR IMMER!“ Direkt nach dem computergesteuerten Scannen der Zähne auf Plaque-Reste gibt es nur noch eine Richtung: in die Schlafbox, aus der es kein Entkommen gibt! Nach Wahl dürfen die Kinder noch ein Mathematik- oder Deutsch-Lernhörbuch genießen.
Ach, habe ich den Essplatz schon erwähnt? Der Kühlschrank ist fest verriegelt und nur per Fingerabdruck von Mama oder Papa zu öffnen. Ansonsten steht das ernährungsphysiologisch perfekte Mahl für jeden bereit: Dreckige Nudeln mit Kotze (Dinkelnudeln mit Gemüsebolognese) zum Beispiel!!! Du meckerst? Dann wähle bitte per Auswahlbutton das Alternativmenü: „Das heutige Alternativmenü ist GAR NICHTS. Vielen Dank für Ihren Besuch! Wir freuen uns, Sie morgen wieder in unserem Restaurant begrüßen zu dürfen. Bitte begeben Sie sich jetzt direkt zur Zahnputz-Station!“ Aber das Tollste kommt ja erst noch! Das Klamottenmanagement-System. Da dies mit den heutigen technischen Mitteln leider noch nicht automatisch möglich ist, bekommen hierzu Mütter mit mehreren Kindern jeweils einen kinderlosen Karriere-Abgeordneten zugeteilt, der dies turnusmäßig eine Woche lang erledigen muss. Also jeden Tag drei Unterhöschen wechseln (Heeeyyy, die stinkt ja noch gar nicht so arg!), drei Paar Socken (Bei Felicitas bitte dreißig Wiederholungen einplanen, da sie sie immer wieder auszieht), drei Hosen wechseln (wo ist nochmal die eine von zwanzig Hose, die noch keine Löcher hat? Bitte sehen Sie die fünf Wäschekörbe, die Sie noch nicht einsortiert haben durch – ach ja, auf dem Bettlaken ist ein bisschen Pipi, gleich abziehen und mitnehmen), drei T-Shirts („Heute gab es Tomatensoße“), alle waschen, aufhängen, abhängen, einräumen, nicht mehr passende aussortieren, Winter- gegen Sommerklamotten austauschen, in den Keller bringen etc. pp. – ja, da bluten die Schreibtisch-Fingerchen, gell. Aber zum Weinen geht der Kandidat ja dann in den Wäscheraum, wo er die Spezialflecken mit Gallseife traktiert. Dort liegt auch ein IKEA-Heft aus, in dem ein weißes, angeblich kinderkompatibles Sofa angepriesen wird, das es mit einem unglaublich praktischen waschbaren Überzug ausgerüstet ist. Und Freundchen, wenn Du nicht brav weiterwäscht, dann kaufen wir uns das auch noch!

Gesprächskultur

Als Mutter ist frau ja leider in Punkto Gesprächskultur ein bisschen verwildert. Der Klassiker ist: Man redet mit einer anderen Mutter, die eine rennt plötzlich mitten im Satz davon, da irgendeins der Kinder wieder mal am Horizont verschwunden ist/ein Selbstmordattentat verübt/in die Steckdose langt/prügelnd auf seinem Geschwisterkind liegt etc. pp. Oder eins der garstigen Blagen steht plötzlich 2 cm vor meinem Gesicht und schreit: „Kann ich jetzt ENDLICH Nintendo spielen?“, während ich gemütlich meinen Kaffee schlürfe. ÄÄÄRGH!
Eigentlich bin ich in Punkto Gesprächskultur eher skandinavisch geprägt. Also: Wir reden leise. Wir lassen alle ausreden. Wir stieren uns nicht dauernd in die Augen. Eine politische Diskussion im finnischen Fernsehen anzusehen, ist ein absoluter Genuss. Kein niveauloses Unterbrechen, keine Beleidigungen, Herumgrabschen oder gar Herumpöbeln, wie man es unter qualvollstem Fremdschämen bei deutschen Politikern immer beobachten muss!!! Nein! Alle sitzen artig im Kreis und reden nacheinander (!) und hören einander zu (!). Exotik pur, gell?
In Lateinamerika kann man mit sowas natürlich nicht ankommen. Für eine Erzählung braucht man eine Theaterbühne und entsprechende Akustik! Jeder brüllt, dass sich die Balken biegen. Spreche ich in einer „normalen“ Lautstärke, registriert kein Mensch, dass ich überhaupt etwas gesagt habe. Hier muss man den Regler einfach ein bisschen mehr aufdrehen – und das sollte man auch tun, denn sonst riskiert man, dass Onkel R. angesichts der drohenden Gesprächspause mit der anscheinend stummen Deutschen einen mehrstündigen Vortrag über Deutschland im Allgemeinen, deutsche Geschichte etc. pp. hält. Das muss unbedingt vermieden werden!!!
Es ist normal, dass der Nachbar um 4 Uhr früh seine Musik so weit aufdreht, dass man senkrecht im Bett steht und denkt, jedes Haar falle einem einzeln aus. „Sag mal, was ist mir Eurem Nachbarn eigentlich los? Ich dachte, die Musikanlage stände direkt neben mir.“ – „Nachbar? Nein, das ist der von der anderen Straßenseite!“ Weitere Problematisierungen der Lautstärke (Meckern, Polizei rufen etc.) finden im Allgemeinen nicht statt.
Manche wissen ja, dass ich eingefleischte (haha) Vegetarierin bin. Dort bekam ich allerdings doch ziemlich Appetit auf Hühnersuppe, als die Hähne um drei Uhr morgens zu krähen begannen.
Dem in Europa so beliebten „Endlich mal Zeit für sich!“ steht man dort übrigens mit großem Entsetzen gegenüber. Nein, droht das unvorstellbare Elend am Horizont, „Zeit für sich zu haben“ und weniger als fünf Personen in ständiger Sicht- und vor allem Hörweite um sich zu scharen, leuchten sofort alle Alarmknöpfe dunkelrot auf und zur Not werden per Hilferuf Ersatz-Verwandte herbeigeordert. Ich war während meiner 4-6-wöchigen Aufenthalte dort auch noch nie (!) allein. UM GOTTES WILLEN! Wir wollen ja den Teufel nicht an die Wand malen!
In Deutschland ist das natürlich differenzierter. Kinderlärm, Musik, allgemein menschliche Lebensäußerungen werden als größte Belästigung betrachtet, während Straßenlärm, Motorengeräusche, Laubbläser, bei denen ein ganzes Stadtviertel unter akustischen Flammen steht, Superduper-getunte Rasenmäher ab sieben Uhr morgens als höhere Gewalt erstaunlich klaglos akzeptiert werden.
Allerdings: Nach sieben Jahren Schlafentzug ist mir das egal. Schaltet Eure Laubbläser oder Kreissägen auf höchste Männerstufe, ich kann trotzdem schlafen! Nach sieben Jahren Kindererziehung habe ich meine Stimme auf ein mächtiges Volumen trainiert, dass ich bei jeder lateinamerikanischen Grundsatzdiskussion die Flagge hochhalten kann. Und ich werde es bestimmt auch bald schaffen, so geduldig und langmütig zu werden wie eine finnische Fernsehmoderatorin. HERRSCHAFTZEITEN, ICH HABE ES TAUSEND MAL GESAGT, ES GIBT KEINEN NINTENDO! BASTA, VERFLUCHT NOCH MAL!

Montag, 30. Juni 2014

Kinder-Ernährung leicht gemacht

Kinder-Ernährung leicht gemacht
Neulich habe ich einen Artikel gesehen, in dem ein Blog über Kinder-Ernährung vorgestellt wurde. Wunderbar appetitliche Fotos von Spinatgnocchi, Süßkartoffel-Pommes etc. pp. Sehr sehr schön. Noch schöner wäre es natürlich, wenn die jemand für mich machen würde, denn leider muss ich immer wieder feststellen, dass meine Kinder von mir verarbeiteten Lebensmitteln nicht wirklich offen gegenüberstehen. Salat wird erst mal abgescannt: „Sind da Haare (=frische Kräuter, die ich liebevoll auf dem Balkon selbst ziehe) drin?“ Das wage ich selbstverständlich nicht! – Misstrauisches Herumstochern: „Was ist das?“ Ein würfelförmiges helles Stück wird aufgespießt und hervorgefischt. Nein, Mario, kein kleingeschnittene Schnecke, auch kein Säuglingsfinger, sondern das exotische Gemüse GURKE! Hallo! „Kannst Du den Salat noch ERFRISCHEN, so wie Oma das immer macht, dann esse ich ihn.“ (Kann ich ehrlich gesagt nicht.) „Ok (Seufz). Dann gib mir halt Salz.“ Timmy isst sicherheitshalber ohnehin nur aufgeschnittenes Gemüse, das genau erkennbar ist, damit ich ihm nicht etwa heimlich von mir nachts sezierte außerirdische Lebensformen unterjuble.
Jedes Mal wenn ich den Speiseplan im Kindergarten sehe – wo das Essen übrigens ganz köstlich sei! –, treibt es mir fast die Tränen in die Augen. „Dinkel-Spaghetti mit Gemüse-Bolognese.“ Das hieße zu Hause wahrscheinlich „Dreckige Nudeln mit Kotze“. Also (wie gefühlt jeden Tag) doch wieder weiße Spaghetti mit Ketchup, bzw. an besonders experimentierfreudigen Tagen mit einer pürierten Dose Tomaten. Ein besonderer Triumph fand daher neulich am Spielplatz statt: Ein Papa ist dort mit seiner Tochter, die NIEMALS und NIE Bananen esse. „Liebe Kleine, möchtest Du von einer ganz fremden Frau eine Banane?“ „JAAA!“
Sind das jetzt besonders verwöhnte Blagen, denen ihre übervorsichtigen Eltern keine Regeln setzen und jeden noch so affigen Wunsch von den Augen ablesen? In unserem Fall: Nein, eigentlich passt alles, sie sind weder zu dick noch zu dünn, essen genug Obst und Gemüse, wenig Süßigkeiten, wer das Essen von Mama nicht will, isst ein Butterbrot oder einen Apfel. Ja, danke der Nachfrage, hier werden viele Butterbrote und Äpfel verzehrt. Man isst mit Leidenschaft ein paar Standardgerichte wie Kartoffel mit Spinat, Spaghetti mit Tomatensoße, Pommes Frites, Fischstäbchen, Pfannkuchen und ähnliche Haute Cousine. Mit großer Mühe haben wir – was auf sehr wackeligen Füßen steht – die Kinder dazu gebracht, auch Bohnen mit Reis zu essen, den berühmten mittelamerikanischen gallo pinto. Zur Erklärung: In Mittelamerika kann man Bohnen früh, mittags und abends essen, und zwar jeden Tag. Jeder liebt Bohnen, das muss so sein und ist ein Naturgesetz. Man scheut sich nicht, den Koffer auf der Heimreise mit mehreren Kilo Bohnen zu füllen, um dann mit liebevollem Stolz in einem Tonfall zu verkünden, als handele sich um kostbare Rohdiamanten: „Traje frijoles!“ (Ich habe Bohnen mitgebracht!). Nur ein sehr guter Freund, der sich langjährig bewährt und einem beispielsweise eine Niere gespendet hat, würde etwas davon abbekommen. Ein bohnentechnische Laie, wie der gemeine Deutsche es ist, könnte jetzt sagen: Hier gibt es doch auch Bohnen zu kaufen! Ja, schon, aber das sind doch nicht die RICHTIGEN (qualvolles Aufstöhnen angesichts von so viel Ignoranz)!
Bei so einer identitätsstiftenden Angelegenheit müssen die Kinder mitziehen, haben wir beschlossen. Also gleich nachdem der erste Möhrenbrei durch war, gab’s pürierte Böhnchen (der deutsche Ernährungsberater für Säuglinge schreit jetzt auf: Das bläht doch so furchtbar! – Dazu kann ich nach drei Kindern selbstbewusst antworten: Bei Dir vielleicht!). Anschließend tägliche Gehirnwäsche, dass ausschließlich Bohnen für die nötige Muskelkraft sorgen, sonst würde man vor Schwäche schlichtweg krepieren. – Gut, wenn die Alten so ein Bohei drum machen, verdrücken wir halt mal ab und zu ein Böhnchen. Das muss ja wohl reichen.
Ich muss sagen, ich habe durchaus ambitioniert angefangen, da ich ja auch gern koche. Gläschenkost fand ich ungut, daher habe ich kleine Portiönchen Gemüse püriert. Anfangs lief das auch alles richtig gut. Die Kinder probierten und aßen einfach alles! Höhö, geht doch! Die Kinder müssen eben nur an das Richtige herangeführt werden! Nicht immer gleich die Industrienahrung und überzuckertes Zeug reinschieben, gell ... Tja, dann entwickelte sich ein Grundproblem, das man gemeinhin „eigener Wille“ nennt.
Mein erster Misserfolg waren selbst gemachte Falafel. Falafel: Kichererbsen in einem gut sortierten Supermarkt oder beim Türken kaufen und zwei Tage lang in Wasser keimen lassen, dann die Kichererbsen sehr lange kochen, dann nur noch mit verschiedenen Zutaten mischen, das Ganze durchpürieren und in der Pfanne braten. Geht ja ganz fix, oder? Mario (damals zwei) hat dann sogar einen ganzen halben Teelöffel davon verspeist!!!! Dann war der Mund zu. Und mein Mann und ich mussten danach sehr, sehr viele Kichererbsen essen.
Was ist die Moral von der Geschicht? Also, Punkt 1: Wir machen keine Falafel mehr. Punkt 2: Wir Eltern essen weiterhin mit großer Freude unseren unerfrischten Haar-Salat mit Säuglingsfingern und pürierten Außerirdischen, sondern pädagogische Top-Sprüche ab wie „Die Kinder in Afrika haben gar nichts zu essen und würden froh sein, so tolle Bohnen zu bekommen!“ und fügen uns in unser Schicksal, dass unsere kulinarischen Ambitionen – Spinatgnocchi! Haha! Guter Witz! – nicht gewürdigt werden. Aber einen Vorteil gibt es: „Timmy, ich hab Hunger, schmier mir bitte ein Butterbrot! Und wasch mal gleich die Äpfel!“ Läuft wie geschmiert!

Samstag, 28. Juni 2014

Depressing Germany II: Achtung! Bissige graue Panther entlaufen!

Eigentlich mag ich ja Omas und Opas. Oma und Opa meiner Kinder retten mir zum Beispiel das Leben! Oma kommt in regelmäßigen Abständen angereist, und wienert und putzt mit einer Energie, die sie vermutlich ins Guinness-Buch der Rekorde katapultieren würde. Das Bootcamp-Intensiv-Outdoortraining meines Vaters mit anschließendem Petterson-und-Findus-Powerlesen bringt die Zwerge immerhin ca. 13,5 Minuten früher zum Schlafen. Mein Ältester findet nichts schöner, als seine gesamten Schulferien bei Oma und Opa zu verbringen, die ihm liebevoll jeden Wunsch von den Augen ablesen, so dass er uns stets verkündet, er würde für immer bei Oma und Opa bleiben und auch nie mehr in die Schule gehen…
Aber jetzt geht es mal um ein anderes Thema: Ist es Euch eigentlich schon mal aufgefallen, dass kaum jemand das schlechte Benehmen so einiger SeniorInnen zu tadeln wagt? Schon gar nicht öffentlich? Und warum eigentlich nicht? Zum Thema Benehmen und die Erziehung von Kindern gibt ja jeder gern mal seinen Senf dazu, eine Tornadowalze an gefragten und ungefragten Ratgebern rollt über die lieben Eltern hinweg: Warum weint das Kind? Hat es zu wenig/zu viel an, ist es müde, bekommt es viel/zu wenig Essen, zu viel/zu wenig Regeln etc. Aber was ist mit den garstigen Omas und Opas? Dürfen die sich eigentlich aufführen, wie sie wollen? Gibt es ab 70+ einen Freifahrtschein, friedliche Menschen anzufallen?
Typisches Beispiel: Wir sind an einem See mit etwas Publikumsaufkommen. Die Kinder schauen sich am Ufer Enten an. Timmy wirft kleine Stöckchen ins Wasser, Felicitas ist entzückt. Alles easy. Eine Seniorin postiert sich hilfspolizistenmäßig daneben und beginnt bitterböse vor sich hin zu schimpfen, als ein Stock einen Meter neben einer (sich mittlerweile in psychologischer Betreuung befindlichen) Ente ins Wasser fällt. „Haben Sie ein Problem?“, frage ich sie. Wildes Gezeter über meine missratene Brut und mangelnde Erziehung. Ich wünsche mir jetzt mein T-Shirt mit dem Aufdruck: Achtung, ich haue auch böse Omas. Oder schlimmer noch: Die Alte soll sich mal einen Tag lang um meine Kinder kümmern!
Oder neulich auf dem Parkplatz eines großen Möbelgeschäfts: Ein Auto fährt weg und wir parken ein. Ein anderes Auto ungefähr 100 Meter vorn schaltet daraufhin plötzlich den Rückwärtsgang ein und hupt wie verrückt. Angesichts der Fülle an leeren Parkplätzen denken wir uns nichts dabei. Wir laden die Kinder aus und laufen weiter in Richtung Eingang. Plötzlich fällt von hinten eine Alte über uns her, die aus dem anderen Auto. Wie unverschämt wir seien, so eine Frechheit, ihr den Parkplatz wegzunehmen, was für eine Gemeinheit. - Äh Entschuldigung, was ist los, Sie stehen doch schon auf einem Parkplatz (fünf Meter weiter)??? - Seien Sie leise, ziehen Sie Leine, hören Sie auf, zetert es immer weiter. … Ich muss schauen, dass mir die Kinder nicht vor ein Auto laufen und kann mich leider nicht mehr mit ihr beschäftigen. Zeter, zeter, zeter aus dem Off.
Der Klassiker schlichthin ist allerdings: Kind läuft auf dem Gehweg oder fährt friedlich im menschenleeren Wald auf dem Fahrrad vor sich hin, ein RR (rüstiger Rentner) in windschnittigem Radel-Extrem-Outfit kommt urplötzlich mit gefühlten 100 km/h von hinten, natürlich ohne zu klingeln, angebrettert, und flippt total aus, weil das Kind hinten keine Augen hat und ihm demnach auch nicht devot ausweicht. Rücksicht? Benehmen? Moment mal!
Herumkrakeelende und Bierflaschen/Alcopops schwingende Youngsters, „auf der Wiese herumliechende Necher“ (den Spruch habe ich neulich bei einer RR aufgeschnappt), gestresste Möbelpacker, denen wir im Weg stehen, sie alle lächeln uns freundlich zu - die einzige echte Gefahrenquelle sind die RRs, also was bitte ist hier los???
Wir sehen uns wieder mal in anderen Ländern um. Leider muss ich sagen, dass die fortschrittlichen skandinavischen Länder hier nicht wirklich Punkte sammeln können. Da man in Finnland zum Beispiel mit Fremden nur im absoluten Notfall spricht, braucht man sich mit Gemecker immerhin nicht groß herumzuschlagen. Lautstärken oberhalb des Flüstertons sind allerdings nur nach Genuss eines Liters „Finlandia“-Wodka extrastark tolerabel. Die diskreten Gesten im Hintergrund (ohne dass die Eltern es sehen sollen, haha), wird die landesweite Flüsterpost durch mittelmäßiges Herumplärren von Kindern gestört, sprechen allerdings für sich: Ohren-Zuhalten oder schlichtes Hals-Umdrehen. Ich weiß, dass meine finnische Mutter mir jetzt umgehend sehr streng zuflüstern würde, das stimme doch überhaupt nicht . Also, alles reine Fantasie meinerseits!
Der lateinamerikanische Senior an sich erfreut hingegen doch durch Wohlverhalten. Wir wissen durchaus: Die sind auch nicht von schlechten Eltern – im Haus der Großtante meines Mannes hängt immer noch eine Peitsche mit starken Verschleißspuren an der Wand, zur Warnung an ihre acht mittlerweile längst erwachsenen Kinder. Doch anscheinend hat man sich so im Laufe seines Lebens bereits abreagiert und begnügt sich jetzt damit, milde im Innenhof des Hauses zu thronen. Zwar gibt es da ab 95+ auch ein paar Aussetzer, aber eher so, dass die 97-jährige Tante Soundso, kurz nachdem ich die Zimmertür abgeschlossen und mich hingelegt habe, plötzlich im Zimmer epiphaniert (sie hat die Terrassentür durch geschickte Manipulation geöffnet und ist hineingestiegen), mich aufweckt und fragt, ob ich jetzt nichts essen will. Allgemein klappt’s zwischen den Generationen erstaunlich gut. Ein 20-jähriger Deutscher würde zum Beispiel sich denken: „Ich muss meinen 50-jährigen Onkel herumfahren, ich häng mich besser gleich auf!“ Ein 20-jähriger Latino: „Ich darf mit meinem 50-jährigen Onkel herumfahren! Yeah!!“
Daran müssen wir wohl hierzulande noch ein wenig arbeiten. Aber eine RR hat immerhin das geschafft, was ich nicht für möglich gehalten habe: Manchmal muss ich doch mit Kindern einkaufen gehen, was ich im Allgemeinen zu vermeiden versuche (Es geht interessanterweise nicht darum, dass einer auf dem Boden läge und schreiend nach Süßigkeiten verlangte. Nein, neben mir rauscht dann beispielsweise ein Tornado vorbei, der aus einem wie ein Ventilator rotierenden Timmy besteht, der jede einzelne Ware abküsst (warum?), Mario, der ihn ständig von hinten packt, um ihn daran zu hindern (Kreisch! Prügel! Kreisch), und Felicitas, die vor Vergnügen quiekt und einen Schuh schwingt; ich merke, wir teilen die Menge der Einkäufer wie Moses das Rote Meer, alle weichen panisch zurück.) Im Normalfall sieht das an der Kasse dann so aus: Der Kinderwagen, der zum Transport von Kindern und Lebensmitteln dient, ist berstend voll, meine Tochter bricht gerade aus, mein Sohn Nummer eins schwärmt aus und sammelt sie ein, Sohn 2 ist irgendwo verschwunden, aber wahrscheinlich lokalisierbar. Ich habe die Milch vergessen und hoffe, dass 1 oder 2 rechtzeitig erscheinen, um sie nochmal loszuschicken. Felicitas, frisch eingefangen, lässt die Sirene ertönen und versucht, das Dach des Kinderwagens zu erklimmen, ich muss sie festhalten, gleichzeitig den Wagen weiterschieben, die Waren mit der anderen Hand aus dem Kinderwagenkorb fischen und aufs Band legen. Sieht meist recht lustig aus, wie mein Hinterteil nach oben zeigt mit Felicitas als gewundener Schlange außenherum, während oben ein Glas saurer Gurken zappelt. In diesem Moment kommt garantiert irgendeine Person, die zu meinem Hinterteil sagt: „Oh, ich hab’s so eilig, lassen Sie mich bitte vor!“ Meine Höflichkeit verbietet es mir meist, dies abzulehnen, und so stöhne ich von unten herauf: „Grmpf!“. Aber neulich an der Kasse war ich noch gar nicht mal so im Stress, Timmy hatte seine extrem brave Phase, nur Felicitas heulte und ich stapelte Kartons und Lebensmittel von einer Hand in die andere und vom Boden wieder auf, da ließ mich eine RR vor. Wie nett ist das denn! Ist mir ja noch nie passiert! Danke, Oma! Und ansonsten ein bisschen weniger Gemecker, dann haben wir Euch auch alle wieder lieb!

Sonntag, 22. Juni 2014

Endlich werden die Tage wieder kürzer! Oder: 7 verdammte Jahre: So lernt Ihr Kind perfekt schlafen (haha)

Jede(r) kennt den Mythos aus dem Bekanntenkreis: Das Baby, das mit drei Monaten durchschläft. Das Kleinkind, das von 8 bis 8 schläft und zusätzlich einen dreistündigen Mittagsschlaf hält. Das Kindergartenkind, das sich mittags hinlegen muss, um dann ab 19 Uhr friedlich zu schlummern, während Mama und Papa gemeinsam Quality-Time haben. Das Schulkind, das um 19.30 Uhr erschöpft von der täglichen Hausaufgaben-Fron zusammenbricht.
Ich: 3 Versuche, 3 Mal mit Pauken und Trompeten gescheitert. So begann es. Sohn Nr. 1: Schlief quasi nie. Habe vage Erinnerungen an Visionen, über dem Bett, in dem ich nie schlief, vor lauter Schlafmangel und Erschöpfung zu schweben. Baby schrie im 30-Minuten-Takt. Zum Kinderarzt gegangen: Baby schläft nicht. Ist es etwa krank? Nein, das gehört so.
Nach eineinhalb Jahren machte ich einen Versuch mit dem bekannten Superratgeber: Jedes Kind kann schlafen lernen (Baby schreien lassen, immer wieder reingehen, beruhigen, weggehen, beruhigen etc.). Ergebnis: Baby schrie von nun an nicht mehr im 30-Minuten-Takt, sondern ununterbrochen. Buch weggeschmissen, Baby ins Mamabett geholt, Baby schlief.
In der Kinderkrippe wurde das Baby 1 dann an – angeblich - pädagogisch wertvollen Mittagsschlaf gewöhnt (bzw. Mittagspause der Erzieherinnen). Ergebnis: Schlief ab jetzt erst um Mitternacht. Da Baby 2 zu diesem Zeitpunkt gerade auf die Welt gekommen war, war das ein bisschen ungünstig, da es gerade dann aufwachte, wenn Kind 1 endlich schlief. Böse Streitgespräche deswegen mit Krippenleiterin. Kind 1 verbrachte ab jetzt die Mittagspause im Büro der Leiterin und sah Bücher an. Schlafenszeit sank (!) auf 22 Uhr.
Endlich Kindergarten. Sofort Mittagsschlaf streichen lassen. Kind 1, damals 3 Jahre alt, schlief eine Woche lang um 20 Uhr ein. Juhu! Dann war die Woche vorbei.
Ist nie wieder vorgekommen.
Das Schlafverhalten von Timmy (Baby 2) war anfangs vortrefflich. Da ich das Phänomen „schlafendes Baby“ nicht wirklich kannte, wandte ich mich alarmiert an die Hebamme. Was ist da los? Ist das Baby etwa krank? – Nein, das gehört so. Ach so!
Bei Baby 3 war ich dann auch auf nächtlichen Schlaf eingestellt. Nun ja. Nur dreimal Wecken pro Nacht ist für ein Neugeborenes ganz gut – aber das sollte sich ja irgendwann bessern (fragt sich nur wann – weiß ich leider auch nicht). Und: Kind 1 (nie müde) hält müdes Kind 2 vom Schlafen ab, bis es wieder putzmunter ist und sie liebevoll verknäult zur abendlichen Prügelei antreten. Bald erschallt lautes Geheule. Kind 3, mit zwei Jahren mittlerweile alt genug, um daran Freude zu finden, denkt im Traum nicht mehr daran, auch mal zu einer normalen Kleinkind-Zeit einzuschlafen.
Schlafenszeit von 22 Uhr und später wird von uns als intolerabel eingestuft. Wir sind genervt. Haben wir nicht alles versucht? Seit sieben Jahren beknackte Schlafrituale. Vorlesen bis zum Abwinken (meinerseits natürlich). Lange hypnotische Gespräche darüber, welche Körperteile bereits müde seien (eigentlich nur die von Mama und Papa). Kinder dürfen nach Kiga/Schule nicht nach Hause, sondern werden sofort abgefangen und zum Spielplatz gebracht. Müde? Nein. Fernsehverbot verhängt. Riesenbelohnungen in Aussicht gestellt. Unter bösen Drohungen ins Zimmer verbannt. Ohne Erfolg. Ich frage ich mich: Warum sind eigentlich alle gegen ein wenig harte Kinderarbeit? Bergwerk? T-Shirts nähen? An der Nacht-Tanke kassieren? Was ist daran eigentlich so schlimm?
Doch, es gibt sie ab und zu, die Lichtblicke. Anscheinend übermannte meinen Ältesten in der Schule endlich die nötige Bettschwere – seien wir ehrlich, wir können das verstehen: warmes Zimmer, pädagogisch wertvolles Gebrabbel im Hintergrund, wer soll da nicht müde werden? Aber so ging das ja nicht. Kind sollte munter sein, um zu lernen. Kind war sogar einsichtig und versuchte, um 20 Uhr ins Bett zu gehen. Wir betonen „versuchte“. Wir kennen es bereits, es klappte eine Woche lang.
Und wenn die Tage immer länger werden, legen die Guten immer noch eins drauf und stehen dafür ein wenig früher auf, juchei! Summer feeling! Von Juni bis August würde ich am liebsten in ein in einer dunklen Erdhöhle gelegenes Sanatorium ziehen.
Alle handelsüblichen Tricks und Tipps unterhalb von Valium sind durchprobiert. Wir geben nicht auf. Diesmal haben wir uns was wieder etwas Neues ausgedacht: Wir haben uns mit der FIFA in Verbindung gesetzt und erreicht, dass das WM-Spiel Deutschland gegen Ghana am Samstag um 21.oo Uhr stattfindet (ums Kleingeld würde sich dann Uli Hoeneß kümmern). Der Plan war so: Wenn keiner die Kinder ins Bett pfeift, werden sie Fußball schauen, und am Sonntag, also bevor am Montag die Schule wieder losgeht, müde sein und früher ins Bett gehen. Nett, oder? Teil 1 klappte super: Wir schleppten uns vor den Fernseher, die drei Zwerge grölten begeistert „Mario Götze“ und verlangten nach Getränken und Chips. Selbst Felicitas mutierte zum Fußballgroupie und jubelte laut „Gol!“ „Tooool!“. So ein kleiner Teil von mir hatte gehofft, dass wenigstens einer während des laaangen Spiels und den laaangen Kommentaren einnickt. Die Hoffnung stirbt zuletzt, aber sie stirbt. Unter großen Protesten aus drei Kehlen –„hey, das ist noch nicht vorbei!!! Da kommt noch was!“ - schalten wir mit letzter Kraft um 23.oo Uhr den Fernseher aus.
Am nächsten Tag zeitiges Wecken, Outdoortraining, nachmittags eine zwölf Kilometer weite Radtour mit anschließendem Spielplatzaufenthalt. … Tja, was soll ich sagen: Wo war noch mal mein Erdloch?