Freitag, 12. Juni 2015

Der perfekte Tag



Sommer! Sonne! Herrlich... Wir sind bei meinen Eltern und werden jetzt gleich ins Freibad abdüsen. Dazu sind wir eigentlich gezwungen, denn bei unserem ersten Besuch hatte ich dort mein Handy verloren. Vermutlich als ich gerade hysterisch am Eingang herumtobte, als Timmy auf der anderen Seite des Schlagbaums mit meinem Geldbeutel und daraus entnommenen Scheinchen herumwedelte und sich weigerte diese wieder herauszugeben. Aber der Bademeister hatte mein prähistorisches Instrument zur fernmündlichen Mitteilung, das anscheinend niemand haben wollte, sichergestellt und so kamen wir bei unseren Ortungsversuchen auf die Fährte. Damit war das Tagesprogramm klar.
Dass mein ältester Sohn mittlerweile schwimmen kann, senkt die Panikskala um 33,3333 % -  und bei Panikskala 66,6666 % befindet sich die kinderreiche Familie im meditationsähnlichen Wellnessmodus. Wir stellen nur fest, dass ein schwarz-weiß gestreifter Badeanzug an einem sehr kleinen und sehr selbständigen Mädchen nicht die ideale Bekleidung ist (siehe Zebras, die ja einer Theorie zufolge ihre schönen Streifen zur Tarnung einsetzen – das hatte ich früher nicht ganz kapiert, aber jetzt schon! Aus 5 Meter Entfernung ist sie quasi unsichtbar! Ich empfehle ausdrücklich einfarbige NEON-Kleidung).

Timmy wünscht erst mal den Verzehr von großen Mengen Wassermelone. Damit ist das Programm für meinen Mann auch schon sichergestellt: zum Auto gehen und vergessenes Taschenmesser zum Schneiden der Melone holen (falls jemand einen Tipp hat zum Thema „wie zerteile ich mit Hilfe eines gefalteten Handtuchs und 30er  Sonnenmilch eine Melone in schöne Scheiben“ – nur raus damit!).

Mario wünscht gar nichts, sondern nur, drei Stunden unbehelligt an der Wasserrutsche zu verbringen. Also, das einzige Problem ist eigentlich ihn wieder rauszukriegen, als wir nach einigen Stunden das Bad wieder verlassen wollen. So, ich könnte jetzt, nachdem ich alle Melonenreste, Handtücher und Badeklamotten wieder eingepackt habe, jetzt weitere fröhliche Stunden schwitzend am Beckenrand verbringen und versuchen, meinen Sohn da wieder rauszulocken.  Aber Leute, man muss auch einfach seine Grenzen kennen. „Timmy, hol bitte Mario.“

Bademeister Timmy ortet Mario, wie ich aus der Ferne sehe, und kurze Zeit später klettert Mario aus dem Wasser und beide kommen einträchtig herbeigelaufen. WIE ZUR HÖLLE hat er das so schnell geschafft? Keine Ahnung. Es gibt einfach Dinge zwischen Himmel und Erde …

Nachher werden die Kinder von meinen Eltern zur Bespaßung zum Erdbeerpflücken abtransportiert (und sie pflücken auch wirklich große Mengen, falls Ihr das wissen wollt). Mein Mann kann mit dem Problem „Freizeit“ nicht umgehen und macht sich an handwerkliche Vervollkommnung des Hauses meiner Eltern. Hernach quengelt er, dass er jetzt in den Biergarten müsse. Wann ENDLICH die Kinder zurückkämen? (WIE BITTE? Also, ich habe Zeit…) Schon hängt er am Handy… kurze Zeit darauf erzittert der Seismograph…

Auf den Schreck schenke ich mir erst mal eine Apfelschorle ein und noch etwas Wasser drauf. Ist das heiß! Ich fasse dürstend nach dem Glas, da hat eine kleinere Hand sich schon darum geschlungen.

„Darf ich?“

„Aber klar. Das ist der Kinder-Bravheits-Trank. Trink nur!“

Mario setzt das Glas entsetzt wieder ab. „Der WAS?“

„Der Kinder-Bravheits-Trank. Da werden alle Kinder brav. Und zwar FÜR IMMER und UNWIDERRUFLICH. Trink, trink, wir wollen gleich los.“

Mario riecht daran. „Und da werde ich dann brav?“

„Ja.“

„Will ich nicht.“

„Na komm schon!“

Er riecht vorsichtig dran. „Ist das nicht Apfelschorle?“

„Probiere es aus, mein Sohn, probiere nur unbesorgt.“

Tatsächlich lässt sich mein Sohn erst nach langem Zureden dazu überreden, von dem schauerlichen Getränk zu probieren. Gewusst wie, was? War aber nur Spaß, ich will eigentlich los in den Biergarten. Um die Nerven der Großeltern zu schonen, werden wir die Kinder mitnehmen. Also, alle bis auf Timmy. Timmy will von „Biergarten“ nichts wissen, auch wenn es da Pommes und gesundheitsschädigende Süßgetränke gibt. Wir finden eigentlich, dass Oma und Opa genug mitgemacht haben und eine Pause verdient haben, aber jetzt ist es halt eine „Pause mit Kind“, da Timmy unbedingt zu Hause bleiben will. Vielleicht ist er müde oder auf Diät. Nun gut.

Vorfreude ist ja bekanntlich die schönste Freude. Bereits 30 Sekunden nach Aufbruch malen sich die beiden Restkinder aus, wie schön es sein wird, Timmy unter die Nase zu reiben, welche Köstlichkeiten sie OHNE ihn verzehrt haben und wie absolut mörderisch sie ihn anschließend damit triezen werden! Geschwisterliebe ist was Tolles. Vor allem so wandlungsfähig.

Also, los geht’s. Der Biergarten ist nach unser aller Geschmack. Es gibt herbe und süße Kaltgetränke und einen Riesenteller Pommes für alle. Perfekt! Alle stürzen sich darauf. Wunschgemäß verabsentieren sich die beiden Restkinder auf den Spielplatz und es herrscht Harmonie pur. Man muss praktisch nur das Zwischenkind herausnehmen und schon erhält man den optimalen Altersabstand von 5 Jahren, der jegliche Streitigkeiten (naja, fast) im Keim erstickt.

Mein ältester Sohn ist ja außerhalb der Familie durchaus am geregelten Leben interessiert, daher wünscht er Informationen, ob Papa nach Konsum eines Bieres noch fahrtüchtig sei. Oder soll Mama fahren?

„Ach Mario, ist doch egal, dann fährst halt Du.“ (Wir sind mitnichten betrunken, aber anscheinend durch die Vintage-Erfahrung „Biergarten“ ohne „Wir-sind-wieder-mal-im-Mittelpunkt-des-Geschehens-und-warten-auf-die-Supernanny“ etwas AUSGELASSEN).

Mario ist wider Erwarten entsetzt. „Ich? Ich weiß nicht, ob ich mit dem Lenkrad zurechtkomme.“

„Ach, das schaffst Du schon.“

Mario hat Zweifel und verzieht sich nachdenklich wieder mit Felicitas auf den Spielplatz. Als Felicitas wiederkommt und nach Strohhalmen verlangt, gehen beide Hand in Hand los und kommen mit dem gewünschten Utensil zurück. Süß, oder? Tja, als es dann Zeit ist zu gehen, hat sich Mario tatsächlich ein Herz gefasst und würde uns nach Hause chauffieren. Ich weise ihn vorsorglich darauf hin, dass seine Füße wohl nicht zu den Pedalen reichen, die aber nicht ganz unwichtig sind. „Dann setze ich mich auf Papas Schoß!“

Na, der Junge weiß sich zu helfen, oder? Aber wir ziehen es mal vor, dass eine Person mit gültigem Führerschein fährt.

Zuhause angekommen empfängt uns Timmy im Pyjama – tja, wir sind offensichtlich ein paar Minuten zu früh gekommen – und er fängt angesichts der grausamen Schilderung seiner Geschwister, die in epischer Breite von den genossenen Herrlichkeiten berichten (einschließlich Strohhalm), an bitterlich zu weinen. Wir fragen Timmy, warum er nicht mit wollte. Anscheinend war er der Meinung, im BIERgarten dazu gezwungen zu sein, BIER zu konsumieren. Ich sende ein paar Giftblicke an Mario und Felicitas, die aber an ihrem Pommes-und-Limo-sogar-mit-STROHHALM-Schutzschild kraftlos abprallen und verspreche den baldigen Besuch eines LIMOgartens. Wäre ganz schön, wenn alle Erntehelfer, Bademeister, Zebras und Hobby-Autofahrer jetzt freiwillig schlafen gehen würden, aber man kann halt nicht alles haben, oder?

Mittwoch, 20. Mai 2015

König Fußball



Habe ich schon erwähnt, dass Sohn Nr. 2 derzeit ins Fußballtraining geht? Trotz des „geringfügigen“ logistischen Aufwandes finde ich das gut – Fußball =  Mamas Traum (Bewegung, frische Luft, weg von der Glotze). Die gute Nachricht: Der Fußballverein ist ganz in unserer Nähe. Die schlechte: Das bringt mir auch nicht so viel - die Formel für Entfernungsberechnung mit Kindern lautet: Meter mal Kinderanzahl hoch 3. Denn die anderen Kinder muss ich ja mitnehmen, wenn ich Timmy dorthin bringe.
Interessanterweise gilt das Begleiten und Warten in abgehalftert wirkenden und abgeranzten Schulgebäuden bei Sportkursen als äußerst unterhaltsam und rangiert unter den absoluten Top Five der Freizeitgestaltungen überhaupt – was braucht man da noch Freizeitparks und Zoos, wenn man das hat! Auch bei mir selbst übrigens: Wenn ich die anderen Kinder mal nicht mitnehmen muss, da anderweitig verräumt, habe ich dort unendlich viel Zeit und Muße für meine Hobbys! Allerdings gelingt mir das äußerst selten wegen des hohen Freizeitfaktors für die anderen Kinder – was die da machen, fragt Ihr? Na, durchdrehen halt! Was sonst! Wenn die spitzkriegen, wohin die Reise geht, kann ich meine Freizeit vergessen! Also, heute wird es auch nichts mit Mamas Vergnügungen. 

Der Flitzinator Timmy ist hochmotiviert und saust mit mir los. Felicitas ebenfalls, wobei sie ist eher breit gestreut motiviert ist: Es geht in erster Linie um Akrobatik und einen Buggy sowie ein Brötchen und einen Schirm. Die Konstruktion hält.

Kaum sind wir am Schultor angelangt: Felicitas will den Kinderwagen mit Mama die Treppen herauftragen. Idealerweise zeitgleich noch Straßenmalkreisen durch die Gegend schmeißen. Und … und…Ich ignoriere ihre weiteren tausend Wünsche und schaue, dass Timmy in die Umkleide geht.

Ich hänge mit Mario und Felicitas vor der Turnhalle herum, allerdings nicht lange, da Felicitas unbedingt Fußball spielen will, d.h. in die Turnhalle hineingehen. Ich schärfe ihr ein, sich NICHT unter die Fußballer zu mischen, sondern am Rand zu spielen. Komischerweise hält sie sich dran, jammert aber, dass sie keinen Ball hat – naja, ok, Fußball spielen ohne Ball ist ein bisschen ungewöhnlich, geb ich ja gern zu – hier ist logistisch eindeutig noch Luft nach oben. Felicitas will wieder raus und auf die Toilette. 
Schultoiletten sind was Fieses. Man möchte sich eigentlich in einen Ganzkörper-Hygienehandschuh einwickeln. Luxusgüter wie Toilettenpapier oder Seife gibt’s natürlich nicht, wir sind ja hier nicht im Hotel. Ich versuche einfach, nichts anzufassen und nichts anzuschauen – immerhin sorgt die Gänsehaut bei mir vorübergehend für einen klimatischen Ausgleich. Wieder rein in die Turnhalle. Dann will Felicitas wieder raus und Wasser holen. Wir gehen raus und holen Wasser. Wir gehen wieder rein. Dann holen wir noch eine andere Flasche Wasser. Warum? Keine Ahnung. Meine Willenskraft ist – wahrscheinlich geschwächt durch den Besuch der Schultoilette –  ein bisschen erlahmt. Die absolute Krönung: Felicitas hat in der Turnhalle plötzlich keine Hose mehr an, sondern rennt in Unterhose herum. Die Flitzerin genießt ungeteilte Aufmerksamkeit! Moment mal! Was ist passiert? Erfahren wir auch sofort: Kreisch-Alarm: Hose nass! Irgendwie kein Wunder, wenn man mit zwei offenen Wasserflaschen jongliert, wenn man mich fragen würde (tut man aber nicht). Heul! Zum Glück haben wir zufällig noch eine Matschhose im Gepäck. Wir ziehen uns in der Vorhölle, äh Vorhalle um. Matschhose gefällt nicht, Felicitas ist wieder nackig. Hausmeister-Kommentar: „Wenn das schon so früh losgeht...“ Schenkelklopf. Schenkelklopfer sind mir aber noch lieber als Bademeister-Kommentare, als Felicitas im Alter von 15 Monaten mal im Babybecken kurz nackig war (Barsch-Herumnörgel: "Das Kind muss angezogen sein! Badeordnung!!!“), daher lächle ich den jovialen Hausmeister freundlich an.

Ich biete Felicitas an, dass sie Timmys Jeans anziehen kann, der hat ja noch seine Trainingshose. Jaa, Jubel. Wir gehen in die Umkleide und ziehen Timmys Jeans an. Begeisterung! … Nein, doch lieber: Heul! Langsam werde ich grantig. Sie will jetzt wieder die feuchte Hose anziehen. Wir ziehen die feuchte Hose an… dann die Matschhose…. Schwitz! Ich spreche jetzt ein Machtwort (SUPER-HEUL!). Wieso schwitze ich so, obwohl ich ja gar keinen Sport mache? Erschöpft sinke ich auf die Turnbank. Eine befreundete Mama reicht mir mitfühlend ein Bonbon. Sofort kommt Timmy dank eingebauten Bonbon-Radars von der anderen Seite der Turnhalle angeflitzt. Er streckt die Hand aus. Auch ein Bonbon! Nach dem dritten Mal Trainingsunterbrechung wegen Schnorrerei behaupte ich, die andere Mama hätte jetzt alle allein aufgegessen. Timmy verzieht sich angewidert („wenn Blicke töten könnten…“).

Mario ist zum Glück nicht so betreuungsintensiv und hängt bewegungslos vor der Turnhalle herum. Pro forma frage ich, ob er seine Hausaufgaben a) schon fertig hat und b) mir zeigen will. Reflexhaftes Kopfschütteln. Frage mich langsam, ob das eine Form von Genickstarre ist. Nein, nein und nochmals nein! Wir probieren mal, ob Nicken auch geht… Nein! (Frage: Wann geht eigentlich die Pubertät los? Oder ist das noch eine Endform der Trotzphase??? Zeit, sich mental auf einen absolut nahtlosen Übergang vorzubereiten.) Immerhin will er dann in die Turnhalle. Begeistert feuert er seinen Bruder an und kommentiert: „Timmy ist der Schnellste! Timmy ist der Beste!“ (Wahrscheinlich gibt es für dieses positive Feedback gleich eine Extraportion Prügel).

Timmy ist beflügelt. Er hat seine ca. 6 Monate andauernde Bock-/Beleidigt/Herumstink-Phase überstanden und ist ein reifes Vorschulkind, das eigentlich alles kann. Er zieht sich nach dem Training flitzibitzi allein um und kommt herausgerannt – in  der heutigen Zeit sind sechs Monate Geduld, dass sich jemand beruhigt, zwar eine lange Zeitspanne, aber das ist einfach so. Wird alles, Leute! Irgendwann… Auf dem Nachhauseweg will Mario, dass ich seine Schultasche trage. Ich trage bereits einen Rucksack und schiebe einen von oben bis unten brechend vollen Wagen. Disput. Irgendwann deponiere ich den Schulranzen resolut im Gras und stapfe weiter. „Du bist so gemein, Mama!“ Ich stapfe  - mittlerweile leicht angesäuert  – weiter voran.

Nachdem ich die Crew über die Kreuzung gelotst habe, sind die Jungs plötzlich verschwunden. Ich drehe mit meiner vollgepackten Karre noch eine Runde, sehe sie auch tatsächlich irgendwo im Hintergrund, naja: Sie finden ja allein nach Hause, ich geh jetzt nicht noch auf Kinderfang. Und sie sind auch wirklich bereits vor mir zu Hause. „Mama, Du hast uns allein gelassen!“, jammert mein Ältester. Jap. Armer Hasi. Werde mich umgehend im Camp für schwer erziehbare Mamas anmelden.

Dienstag, 12. Mai 2015

Der Muttertags-Post



Ich sprech das Thema "Muttertag"  mal an. „Bald ist Muttertag…“ Mario hat in der Schule ein Herz gebastelt und ein Lied geübt. Das bekomme ich schon im Voraus vorgesungen. Timmy ist auch interessiert an Wohltaten für Mama, hat aber nichts. „Was willst Du denn haben?“, fragt er mich. „Äh, dass Ihr einen Tag lang brav seid und nicht streitet?“ Timmy überlegt, ein bisschen traurig. „Ich glaube, das schaffen wir nicht…“ Ehrlich gesagt, ich auch nicht. 
Wie wäre es mit Ausschlafen? Mario schlägt hellauf begeistert vor, ich solle bitte bis 11 Uhr schlafen (das letzte Mal Ausschlafen bis 11 war wohl anno 2006). Also, das ist so: Der Junge würde mich ja am liebsten das gesamte Wochenende über in ein künstliches Koma versetzen. Das liegt daran, dass ich gern ein Mittagsschläfchen halte und die Kinder währenddessen fernsehen/Nintendo spielen dürfen. Daher wird mein Müdigkeitsstatus gerne ausführlich beobachtet und kommentiert. (Samstag 10.01: „Liebe Mama, Du siehst so müde aus, willst Du dich nicht hinlegen?“, „Du bist ja ganz erschöpft, ruh Dich aus!“ etc. pp.). Felicitas hat das noch nicht so auf dem Schirm und weckt mich um 7 Uhr. Immerhin schläft sie dann wieder ein; beim 2. Wecken schicke ich sie zu Papa, dass er mir Kaffee kochen soll. Ich erhalte Pralinen!
Und gleich wird mein Ältester, der mich so gerne schlafen legt, sehr müde aussehen, denn Papa hat ein neues Hobby: Multiplikationstabellen. Gähn! Gähn! Gähn! Papa ist böse. Wenn Papa böse wird, gibt es erst mal sehr lange und von allen gefürchtete Vorträge zum Thema schulisches Engagement. Au Backe! Jaja, und ich mache da auch mal mit!

Da das Wetter mitspielt, will ich nun gern einen spontanen Ausflug in den Wildpark machen. Dass die Vorbereitungen immer relativ nervenzerfetzend sind und ich auch zu wenig Proviant habe, ist mir jetzt mal wurscht. Wasser, ein halber, in kleine Würfel geschnittener Kastenkuchen, 15 Gummibärchen in Elefantenform, ½ Packung Knäckebrot, 2 Doppeldeckerbrote mit Salami, 3 Doppeldecker mit Butter,  ½ Gurke, 5 Äpfel, 1 kleine Packung Kekse  - damit werden wir nicht hinkommen, der Kiosk ist dort mager bestückt, aber wird schon gehen.  Ich will raus in die Idylle. Wald, Tierchen!

Naja, das halbe Futter habe ich quasi schon am Eingangstor verfüttern müssen. Jetzt schauen wir uns mal Tiere an, oder? Wieso sitzt Timmy jetzt im Buggy und ist dort anscheinend festgewachsen? 

So wirklich weit kommen wir natürlich nicht, da ein Abenteuer-Spielplatz alle anlockt: Der Spielplatz ist sowas von idyllisch. Man kann unter schattigen Bäumchen im Grünen sitzen, während die Kinder stundenlang toben (was natürlich bedeutet: Da kommen wir nie mehr weg!). Mario und Timmy sehen wir nur gelegentlich. Felicitas muss man leider noch hüten – sie ist derart geflasht, dass sie nur noch wie ein ferngesteuertes Duracell-Häschen herumrast. Die  fünf Meter hohe Rutsche, auf die man über einen ziemlich tricky aussehenden Kletterturm hinaufsteigt, hat es ihr besonders angetan. Eine Mutter fragt mich interessiert: „Wie kommt so ein kleines Kind da überhaupt hoch?“ „Wissen wir nicht“, antworten wir wahrheitsgemäß. Können wir auch nicht, da Erwachsene mit den kleinen Öffnungen da so ihre Schwierigkeiten haben. Anfangs hatte ich die Brüder nach ihr geschickt, aber sie braucht anscheinend keine Hilfe, sondern ploppt in regelmäßigen Abständen aus der Riesenrutsche. Wir müssen allerdings schauen, dass sie im Getümmel nicht verloren geht.

Eine Sache klappt allerdings hervorragend: Zu dritt alleine Eis holen gehen. Hand in Hand kommen die drei zurück. Meine Preisvorstellung wird mathematisch exakt eingehalten und das bei drei verschiedenen Eissorten (geht doch!).

Ich habe trotzdem irgendwie den Hau, Felicitas von der Giga-Rutsche fortlocken zu wollen. Leider hatte ich die Gruppe mit Baggern übersehen, die von Kindertrauben und Eltern belagert wird. Das wird Zoff geben, und zwar mit den Eltern, die Bagger spielen, wie ich aus Erfahrung weiß – die Kinder ranzen sich kurz an und einigen sich dann, wer wann Bagger spielt, aber wehe, die Eltern sind dabei. Kurze Zeit darauf kommt mein Mann wutschnaubend zu mir (ja, wer hätte das geahnt, seufz): Ein böser Mann, der mit seinem ca. 1einhalb-jährigen Sohn, der natürlich nichts checkt, Bagger spielte, habe Mario angeherrscht, weil dieser dem Kleinen die ganze Zeit gute Ratschläge geben wollte: „Halt jetzt  die Klappe, das geht Dich nichts an!“ Gut, Knigge geht anders. Mein Mann schäumt. Merke: Meide Helikopter-Eltern am Spielplatz großräumig! Ich versuche lieber alle von diesen beschissenen Baggern wegzulocken, von mir aus zur nächsten 10-Meter-Rutsche. Irgendwohin, wo kein Helikopter kreist.

Also, da jetzt plötzlich alle Pipi müssen, versuchen wir im Zuge dieser Aktion unauffällig, den Heimweg anzutreten, für den wir eh einige Stunden einplanen müssen. Stimmt auch, wir geraten in die absolut faszinierende Raubvogelschau. Und dann noch auf einen faszinierenden Erdhügel, auf dem man rauf und runter rennen kann. Ich pfeife alle zurück. Wir treffen dann Freunde von uns mit ihrem kleinen Sohn, die uns von einem absolut faszinierenden Wasserspielplatz berichten. Danke für den Tipp, den müssen wir unbedingt großräumig meiden! Oder ich nehme mindestens 69 Wechseloutfits für Felicitas mit – das wäre ein Spaß, zwei schadenfrohe Brüder und ein Mädchen, das „Umziehen“ heult, wenn ein kleiner Wassertropfen ihre Kleidung benetzt!
Timmy und sein kleiner Freund spielen gefühlte drei Stunden begeistert an der Erlebnisstation „dreckiger Rinnsal ohne Bedeutung“. Die Frage ist: Werden unsere Freunde einen Adoptivsohn bekommen oder können wir Timmy irgendwie weglocken? Anscheinend hat er genug, er kommt freiwillig.
Zuhause Küchenschlacht. Kinder abfüttern. Dann: Erwachsene haben ja so eine negative Eigenschaft wie ein Monstergedächtnis. Mein Mann reitet wieder sein Steckenpferd Multiplikationstabelle. Hopp! Hopp! Hopp! Mario gähnt und will Frischluft. Irgendwann lassen wir die Jungs wieder raus. 7 Stunden Auslauf sind nicht genug, das sehen wir ein. In abendlicher Dämmerung sehe ich plötzlich einen Freund von Timmy im Garten. Kurze Zeit darauf ist Timmy weg. Mario – Stichwort Multiplikationstabelle – ist sehr erpicht darauf, seinen geliebten Bruder zu suchen. Ohne den Namen und die Adresse des Freundes zu kennen, aber man kann es ja mal probieren. Vorhersehbares Ende vom Lied: Alle Jungs sind weg. Ich gehe los und gable Timmy wieder auf, allerdings ist nun Mario verschwunden. Ich gehe mit Timmy los (damit der nicht irgendwie auch noch wieder unauffällig verschwindet) und suche ihn. Meinem Mann raucht es mittlerweile 5x3-fach aus den Ohren. Eine Dreiviertelstunde später habe ich alle endlich wieder eingefangen.  Drei Kinder sind putzmunter, natürlich, wir nicht. Wie immer. Aber schön war’s trotzdem!

Mittwoch, 6. Mai 2015

Sport mit Kindern oder „Das Wasserlabor“



Spontanbeschluss von Timmy: Mama braucht heute wieder Training! „Äh Timmy, nach dem Essen soll man eigentlich ein wenig warten…“, sage ich mit der Gabel in der Hand. 60 Sekunden später: „Wann kommst Du endlich?“
Nun gut, da mein Leben anscheinend immer nach dem „Jetzt oder nie“-Prinzip läuft, renne ich halt mit voller Plauze. Versuche immerhin, möglichst viel Zeit beim Umziehen herauszuschinden. Bis wir Felicitas abgehängt haben, dauert es auch noch. „Mama, ich gebe Dir noch einen Kuss. VOR der Haustür.“ Ok, Küsschen. Dann: „Mama, noch eine Frage …“ Das geht dann meist eine Weile über Themen der aktuellen Philosophie, oder sie rennt einfach so davon. Aufgrund schlechter Erfahrungen hat Timmy bereits darauf geachtet, dass ich den Fahrradschlüssel zu seinem Fahrrad immer in den Schlüsselkasten hänge, so dass es da keine weiteren Verzögerungsmöglichkeiten mit Suche nach dem Schüssel gibt. Denn er will mich jetzt vom Fahrrad aus triezen.
Ich stelle mir vor, wir drehen eine kurze Runde, ist ja auch recht schwül heute … Timmy tritt bereits eifrig in die Pedale:„Wir fahren zum WASSERLABOR!“ Wasserlabor? Das so genannte Wasserlabor ist im Tempo Mama-Rennen EINFACHE STRECKE 25 Minuten entfernt! Es handelt sich dabei um einen ungeheuer einsamen Waldweg, der sich bei Regen in eine morastige Schlammhölle verwandelt. Ein Traum, mit dem Fahrrad da durchzusausen! Lohnt sich auf jeden Fall!
"Timmy, der Regen ist vorbei, das Wasserlabor ist wahrscheinlich schon weg.“ Trampel-Trampel. „Macht nichts!“, erschallt es fröhlich.
Kurz schöpfe ich Hoffnung, als Timmy auf einen abzweigenden Waldweg zeigt, der NICHT zum Wasserlabor führt und den er anscheinend auch ganz gut findet. „Wenn Du willst, gehen wir dort lang!“
 „Nein, ich will keinen neuen Weg!“ Das Wasserlabor ist immerhin so aufregend, dass Timmy den etwas trickreichen Weg jederzeit ohne Probleme findet.
Nur ungern verzichte auf die Komplettreinigung unserer Montur samt Fahrrad, aber leider … Das Wasserlabor ist jetzt ungefähr nur 35 cm lang und 2 cm tief. Wir geben alles, aber es läuft nicht so wie gewünscht, auf diesen Schock war Timmy als reifes Vorschulkind allerdings vorbereitet. Auch dass ich eine Super-Attacke bergauf ablehne, wird gefasst, wenn auch tadelnd aufgenommen. Ich darf aber auf dem Gymnastikplatz eine Pause machen (wenn ich Bauchmuskelübungen mache, da mein Bauch ja so voll war), während er Spezialrunden fährt.
Im Gegenzug muss ich unsere Runde allerdings verlängern (!) und eine belebte Straße einschlagen, auf der wir sicherlich drei Millionen Bekannte treffen. Die zwischen Mitleid und Bewunderung schwankenden Grinser für die schweißüberströmte Joggerin sind ja immer schon Gold wert, aber heute ist Jackpot-Tag, wir treffen Timmys Erzieherin, die mich trotz meines leicht derangierten Looks auch noch erkennt (das ist nicht immer gesichert, wenn ich ohne eine Kindermenge um mich unterwegs bin). Und dann noch eine unserer Nachbarinnen, die sich bei den Kindern einen Grusel-Respekts-Status erarbeitet hat, da sie den Fernseher in den Keller gebracht hat. Haha, das könnte Euch auch blühen, meine LIEBEN!!!! Und zwar sehr BALD!
Ich komme mit hängender Zunge nach Hause. Halligalli! Diskussion, ob Mario und Felicitas in Timmys Abwesenheit fernsehen durften oder nicht (wurde nicht restlos geklärt, da alle Beteiligten die Aussage verweigerten). Ob ich alleine duschen darf oder nicht, wird leider nicht diskutiert, denn Felicitas und Timmy sind schon vor mir in der Wanne.
Danach undefinierbares Kampfgeschehen. Sämtliche Decken befinden sich plötzlich aus unerfindlichen Gründen im Wohnzimmer. Papa ist sauer und droht den Fernseher in den Keller zu bringen (haha). Ok, wir lesen jetzt mal zur Beruhigung Bücher. Etwas überhitzte Diskussion, wessen Büchervorschlag der Beste ist. Dann Geheule, weil wir ein Buch über MENSCHEN angesehen haben, in dem Menschen mit komischen Halsringen gezeigt wurden. Lachende Menschen. Timmy weint sehr laut darüber. Was sind denn das für Halsringe? Und wie gehen die wieder auf? Was, Tätowierungen bleiben für immer und das macht man mit Nadeln? Heul! (Bitte, lieber Gott, lass ihn das im Gedächtnis behalten!)
So meine Lieben, Schluss damit. Jetzt kommen Geschichten aus meiner Jugend. Ich rede mal über Haustiere. Tiere sind doch immer nett, oder? Irgendwie mündet das aber in einer ethischen Diskussion, ob ein Hund schuldig ist, vor ca. 25 Jahren einen Vogelkäfig umgeworfen zu haben, was die anschließende Flucht der Wellensittiche zur Folge hatte. Felicitas fasst das Ganze korrekt zusammen: „Die Vögel sind weg!“ Richtig. Und zwar schon sehr lange. (Weiterer Exkurs über kulinarische Kostbarkeiten Lateinamerikas und die „am meisten vermissten“ dortigen Fernsehsendungen, dessen Ursprung ich irgendwie nicht mehr unter Kontrolle hatte.)
Um 21.50 schläft wie immer – niemand. Weil ich immer so thrillende Geschichten erzähle. Oder weil… keine Ahnung. Es ist halt so wie jeden Tag.
Wir müssen morgen wieder laufen, am bestem zum Wasserlabor. Und zwar dreifach. Vielleicht ist ja dann mal jemand müde. Außer mir, meine ich.