In der guten alten Zeit gab es ungefähr einen
Erziehungsstil. Die Kinder sollten so viel wie möglich draußen
herumlaufen und ihre Eltern nicht nerven. An Unterhaltungsprogramm gab’s
Turnstunde, Fußball und/oder Flötenunterricht.
Heutzutage hingegen
bricht ja eine Riesenwelle an Ratgebern, Kursen, Online-Elternportalen,
Beratungsangeboten usw. über uns herein. Nun ja. Dem Spruch „Uns hat’s
auch nicht geschadet“ stehe ich ehrlich gesagt schon ein wenig kritisch
gegenüber, wenn man sich die erwachsenen Leute so anschaut (finde ich
schon! Denn sonst wäre es um die Welt ja doch ein bisschen besser
bestellt, oder?). Andererseits: Muss ein dreimonatiger Säugling echt in
einen PEKIP-Kurs, einen Baby-Yoga-Retreat, eine
Mama-Kind-Kuschel-Gruppe, frühkindliche Musikerziehung mit Blockflöte,
oder kann er nicht einfach seine Milch trinken oder plärren? Kann ich
einen vor Koliken wie einen Heißluftballon aufgeblähten Säugling
mithilfe eines Bestsellers à la „Jedes Kind kann schlafen lernen“ dazu
bringen, mit der nächtlichen Schreierei aufzuhören? Oder doch lieber mit
„Windsalbe“ einschmieren oder eine superteure
Spezial-Antifurz-Säuglingsmilch kaufen? Also, die gute Nachricht: wenn
man den ganzen Mist durch hat, hören die Koliken altersbedingt ohnehin
auf.
Der Normalfall ist sowieso: Der Fratz macht nicht das, was ihm
von guten Ratgebern empfohlen wird. Aber liebe Eltern, einfach mal
konsequent sein! Regeln! Die Einzigen, die gnadenlos konsequent sind,
sind allerdings die lieben Kleinen: Sie machen konsequent nicht das, was
von ihnen erwünscht wird. Ja, vielleicht werden sie es viele, viele
Jahrzehnte später dennoch tun, aber JETZT nicht. Sie werden
voraussichtlich bis ins hohe Alter (d.h. bis sie selbst Kinder haben)
versuchen, heimlich Joghurtdeckel auf den Boden zu schmeißen statt in
die Mülltonne. Und es macht einfach zu viel Spaß, das Geschwisterkind an
den Haaren zu ziehen, als artig mit ihm pädagogisch wertvolle
Lernspiele durchzuführen. Ja, leider! Denn ganz ehrlich, der ganze
Erwachsenenscheiß ist einfach langweilig. Das wissen wir ja selbst, und
wir brummen das den Kindern auch nur auf, weil wir es sonst selbst
machen müssen. Wenn ich könnte, würde ich die Kinder dazu zwingen, meine
Steuererklärung zu machen!
Aber ist das ein Lebensziel? Ich
gestehe, dass das fantasto-anarchische Prinzip der Kinder mich
fasziniert. Heute bin ich Raubritter! Heute baue ich eine Flugmaschine!
Heute mache ich keine Hausaufgaben! Einfach, weil ich keinen Bock habe!
Heute weine ich den ganzen Tag! Heute will ich alles mit Sonnencreme
beschmieren! Heute laufe ich nackt herum! Heute sage ich zu allen Frauen
„Hallo, du alte Oma!“
Selbstkritisch gesagt: Kinder würden
wahrscheinlich gar nicht so viel Unsinn machen, wenn die Erwachsenen sie
weniger nervten – mach dies, mach das; das auf keinen Fall, NEIN! NEIN!
Kinder probieren alles aus, sind voller Einfallsreichtum – vor der
keine Wohnzimmerwand verschont bleibt -, vorurteilslos und gutherzig.
Hier wird gehandelt, keine Bedenken jongliert! Ja, ich glaube, es wäre
um diese Welt wirklich etwas besser bestellt, wenn wir diesem Prinzip
mehr Raum geben würden, und ich bin auch ein bisschen besorgt, dass die
Kinder dieses im Laufe der Zeit ganz verlieren könnten.
In kleinen
Ansätzen hat die Politik mittlerweile begriffen, dass wir Kinder
brauchen. Aber wozu? Ja, man hat gemerkt, dass die Gesellschaft sonst zu
alt wird, es fehlt der Nachwuchs, der als Beitragszahler neues Geld in
die Rentenkassen spült, es fehlen die Fachkräfte, Hilfe (natürlich die
jungen, idealerweise männlichen und ungebundenen, superflexiblen
Fachkräfte, alte Säcke hamma ja genug)! Kleiner Haken: welche Frau sagt
schon: Ja, wenn das so ist, dann zeugen wir jetzt halt einen weiteren
Rentenzahler! Einen Superarbeiter für die Industrie, damit die noch mehr
Geld scheffeln, prima! Und welcher Politiker sagt schon, wir brauchen
Kinder, weil uns Schnarchnasen sowieso nicht Besseres mehr einfällt, als
Formular 301646543a* zu erfinden, wir brauchen viel mehr
Fantasto-Anarchisten!? Das ist zum Beispiel meine bescheidene Meinung :-).