Ich habe mir oft überlegt, ob man mit 3 Kindern wirklich
kinderreich ist – so die in Deutschland gängige Definition. Es sind ja
schließlich nicht so unüberschaubar viele, dass ich ihre Namen vergessen würde.
Und als ich in Lateinamerika war und mich mit einer älteren Dame unterhielt,
fragte ich sie nach der Zahl ihrer Kinder: „Ach, ich habe nur sieben!“ Leute,
viele Eurer Großeltern hatten genauso viele Geschwister!
Aber dann habe ich mich doch dafür entschieden. Die
Kriterien dafür sind: Ab 3 Kindern sind wir Erwachsenen schließlich in der
Minderheit. Und ab jetzt wird man gefragt: „Sind das alle Ihre?“ Und jetzt ist
auch der Zeitpunkt gekommen, dass man nicht mehr ununterbrochen um jedes
Kinder einzeln herumhelikoptern kann. Nein, sorry, mein Sohn muss leider 500 m
Schulweg alleine zurücklegen (in der Hoffnung, dass er von den Autos der
Helikopter-Eltern nicht zusammengefahren wird), ja, ich fürchte, er muss sich
im Alter von acht Jahren auch ganz alleine anziehen, nein sorry, ich kann
nicht JEDEN TAG mit dem Knüppel in der
Hand seine Hausaufgaben überwachen, weil ich die anderen Kinder auch noch
durchknüppeln muss, ich werde auch ganz bestimmt nicht am Spielplatz observieren,
ob mein Sohn/meine Tochter genauso oft wie die anderen Kinder rutschen darf
(„Lasst jetzt endlich mal Klein-Thorben rutschen!“), ich fürchte, er muss das
selber regeln …
Es gilt als entspannendes Freizeitevent, wenn man mit nur
einem Kind zu einem einstündigen Arzttermin gehen darf. Die Steuererklärung
ALLEIN zu machen – dafür reicht eine Stunde nicht -, firmiert unter dem Label
Wellness-Wochenende. Nur, dass man kein Wochenende dafür Zeit hat. Wenn man
einen unaufschiebbaren Termin hat, muss man nicht nur eine Person anbetteln,
die auf die Kinder aufpassen soll, sondern die Gruppe splitten. Und
letztendlich ist der Zeitpunkt gekommen, dass man die Kinder nicht mehr
weginterpretieren und verräumen kann.
Typisch sind Gedanken wie: „Mist! Die Milch ist fast alle,
es sind nur noch eineinhalb Liter da!“ „Wenn Felicitas mich um 5 Uhr weckt, könnte
ich ja eigentlich schnell die erste Waschmaschine des Tages anwerfen.“ „Wann
sind die Sommerferien 2016?“ „Kann es wirklich sein, dass der Besuch eines ganz
normalen Landei-Schwimmbads uns 20 Euro kostet (und das, weil Felicitas noch nichts
bezahlen muss)?“ „Heute konnte ich bis
7.30 ausschlafen!“
Natürlich, wir werden zum einen (ein bisschen) schlauer, zum
anderen bescheidener – vor allem, was unsere Einflussmöglichkeiten betrifft. Und
natürlich auch abgebrühter. Aber mit einem einzigen Kind: Man ist so herrlich
schnell unterwegs, flotti Karotti geht es los, man kann telefonieren, ohne dass
hinter einem ein Haferschleimwerf-Contest ausgetragen wird. Ich weiß, man denkt
GANZ anders, solange man nur ein einziges Kind hat. Eventuell ein Kind, das die
ganze Zeit brüllt. Sehr lange Zeit brüllt. Vorzugsweise nachts. War ich mit
drei Kindern eigentlich jemals so gestresst wie mit einem? Oder habe ich mich
einfach nur daran gewöhnt? Nun gut, bei Kind drei hat mich eigentlich auch
keiner mehr gefragt, ob ich nachts schlafe (Antwort: nein).
Andererseits: Mit einem Kind hat man natürlich keine
Vergleichsmöglichkeiten. Vergleichsmöglichkeiten sind immer was Schönes. Für
Kinder: Warum bekommt XY mehr als ich? Warum darf XY dies und das und ich
nicht? Ich verdresche jetzt XY!!!!
Nun Vorteile des Vergleichens für Eltern. Problemstellung:
Kind lügt wie gedruckt. Bei einem Kind überlegt Mama: Oh Mann, was habe ich
bloß falsch gemacht? Nicht konsequent genug? Verdeckte Probleme im Elternhaus? Kinder-Psychologen
einschalten? Google? Ergotherapie? Klangschalen? - Drei Kinder: Baron
Münchhausen erzählt detailreich und überaus plausibel ausgesponnene Geschichte,
an der sämtliche Parameter - außer der
Wahrheit - stimmen. Interessant – ist das nicht ein Zeichen für Kreativität?
Ich glaube ja! Ich frag einfach ein anderes Kind, das die Wahrheit mit nicht
ganz so vielen Details ausschmückt. Ja, ich gestehe, auch bei uns Erwachsenen
wird das Phänomen „Wahrheit“ nicht mehr so überbewertet. Nehmen wir den Fall: Felicitas
will ihr filigranes rosa Faschings-Prinzessinnengewand anziehen. Ich habe
keinen Bock, es zu suchen und fürchte auch, es könne auf dem Spielplatz Schaden
nehmen. Ich könnte jetzt sagen: „Liebe Felicitas, das Prinzessinnengewand geht
kaputt, wenn Du draußen tobst. Es kann zerreißen oder Du bleibst damit irgendwo
hängen.“ – Reaktion logischerweise: „HEUL!!!! PRINZESSIN! HEUL!!!“ (30 Minuten
nervenzerfetzendes Drama einplanen + weitere 3 Stunden, wenn das Ding im Eimer
ist). Liebevoll lächelnd erkläre ich stattdessen: „Das ist nicht da, das hat
Papa heute in die Arbeit angezogen.“ – „Papa?“ , fragt Felicitas erstaunt. – „Ja“,
bestätige ich bestimmt (Papa weiß zum Glück nicht, was ich über ihn erzähle).
„Ok“, sagt Felicitas und wendet sich anderen Dingen zu.
Oder: Kind will mit dreckigem Pulli in den Kindergarten. Ein
Kind: Liebevolles Erläutern – keine Einsicht - Grundsatzdiskussion – keine
Einsicht – wilden Mann spielen - Eklat! Heul! Bodenschmeiß! Tag im Eimer! Drei
Kinder: Mama überlegt: Der Pulli ist doch total sauber bis auf die drei
Flecken! Bzw. wenn mehr Fleck als Pulli vorhanden ist: "Ich wollte Dir nur
sagen, dass da Kaka an deinem Pulli ist, aber ist Deine Entscheidung… " Geschwister
kommen sensationslüstern angerannt: "Was? XY hat KAKA AM PULLI??? Zeig her!
Gröl! " "XY: Heul! Ich will einen anderen Pulli!" :-)
Werde auch gern drauf angesprochen, dass mein Sohn Nr. 2
praktisch bei jedem Wetter ohne Jacke auftritt, bzw. sich bei eisigem Wind ein
drei Nummern zu kleines und leicht zerfetztes Baumwolljäckchen – nein, er geht
nicht so weit, dass er es anziehen würde, aber er legt immerhin die Kapuze über
seinen Kopf. (Wetterfrosch Timmy sagt uns Normalos damit, dass wir uns dringend
mit Jacke, Mütze, Handschuhen und Schal ausrüsten sollten! Kälte-Notstand!).
Kann nichts machen, er war seit Jahren nicht mehr krank – welches Argument habe
ich noch? (Übrigens, liebe besorgte LeserInnnen: Ich habe den Kinderarzt zu
diesem Phänomen befragt. Er sagte tatsächlich, man solle die Kinder nicht zu
warm anziehen, sondern lieber warten, bis sie selbst eine Jacke verlangen,
sonst schwitzen sie und werden krank – na, vielleicht will Timmy ja eines Tages
eine Jacke haben, wer weiß?) Felicitas wollte ihm nacheifern und trat mit Sandalen
in den Schnee. Felicitas, es schneit, Felicitas, es ist kalt. Felicitas: Sandalen! Ich lass
sie mal machen. Immerhin haben wir schon fünf Mal Umziehen hinter uns. Kurze
Zeit darauf: Kreisch! Meine Füße sind nass! Mama holt ein Paar Stiefel aus dem
Rucksack. Juhu!
Ja, es gibt es natürlich Dinge, die sich mit drei Kindern
leicht verkomplizieren. Kurzum: Flexibilität und Spontaneität, die
Grundtugenden des modernen Lebens. Eine liebe Freundin hat mich unlängst in
Angst und Schrecken versetzt, sie wolle MIT UNS einen spontanen Radausflug in
die Nähe unternehmen. Räder??? RÄDER??? JETZT??? Du meinst drei Räder (plus
Kindersitz), die ohne Luft im Keller stehen, die mit den drei
Fahrradschlössern? Aufpumpen: Ich kriege das mit den komischen Reifen nicht
allein hin, ich muss meinen Mann aktivieren, also nachdem ich ihn für die
anderen 345 Reparaturen – größtenteils an von meinen Söhnen ramponierten Objekten
- aktiviert habe. (Und wenn er erst mal rausgekriegt hat, was die alles
kaputtgemacht haben, können sie ihren Radausflug sowieso vergessen!) Herzrasen:
Habe ich nicht außerdem unlängst den Schlüsselanhänger-Teddy irgendwo
abgerissen herumliegen sehen, bzw. der ist jetzt auch weg? Aber hätten da nicht
Schlüssel für zwei der drei Fahrräder dranhängen sollen? DOCH!!!! WO SIND DIE? Helme
alle gleichzeitig finden? Wo ist mein Helm? Ich muss mir doch auch noch einen
neuen Helm für meine Matschbirne kaufen (TO-DO-Liste Item Nr. 1023!). … Habe
meine Freundin erst mal zu mir eingeladen und ihr Rum gegeben.
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