Montag, 17. November 2014

Messer, Gabel, Schere, Licht …



Ich hab mir bei der Versorgung meiner Familie mit supergesundem Gemüse, das sie nicht wollen, böse in den Finger geschnitten. Schaut echt fies aus, es hilft auch keine Neu-Interpretation durch mehrmaliges Betrachten: Ich muss zum Doktor. Ich hab Glück, ich kann quasi allein hin (also mit nur einem Kind, Timmy – die Tatsache, dass der Knabe den Kindergarten besucht, sollte nicht dazu verführen zu denken, dass er da auch sei, es gibt Klausurtage, Brückentage, Ferientage, Personaldingenskirchen-die-Kinder-nerven-uns-sowieso-jeden-Tag-also-heute-mal-ohne-Tage, etc. pp.). Also erst mal in netter Begleitung 45 Minuten beim Hausarzt warten. Die Ärztin: „Schaut echt bös aus.“  Timmy (gebannt auf die Wunde starrend): „Das sieht eklig aus.“  Da beide nicht über weitergehende Infos verfügen, was den Zustand meiner Hand betrifft, wächst in mir doch der Wunsch, mal jemanden zu fragen, der sich damit wirklich auskennt. Wo eine Handchirurgie ist, weiß die Gute allerdings nicht, Dr. Timmy verweist mich auf das nicht allzu weit entfernt gelegene Krankenhaus. Und da gehe ich nach kurzer Konsultation von Dr. Google jetzt auch hin. Dr. Timmy („Hab ich doch gesagt“) läuft gut gelaunt neben mir hier.
LEIDER fährt die sonst superzuverlässige U-Bahn wegen einer Störung erst mal auf absehbare Zeit gar nicht. Daher verlängert sich unsere Fahrtzeit von 10 Minuten auf gut eineinviertel Stunden im Bus, eingedost wie die Ölsardinen. Ich habe noch Glück, als ich meinen Platz einer recht schlanken Oma überlasse, rutscht sie flink zur Seite, so dass ich mit Timmy auf dem Schoß noch auf den schmalen 1,5 Personen-Sitz draufpasse; sonst werde der Kleine ja noch zusammenquetscht, sagt sie. Nett! Sie bespaßt sogar Timmy, der ihr dafür nette Details offenbart: „Meine Mama hat gepupst.“ Ich hoffe, ich habe mich verhört. „MEINE MAMA HAT DREIMAL GEPUPST.“ Schön, meine Ohren funktionieren noch! Ich schwitze und halte meinen kaputten Daumen nach oben. Die Laune ist schlecht. Mir ist heiß, ich hab Durst, mir ist langweilig … äh, ist das nicht eigentlich Timmys Part? Der ist aber nach wie vor bester Laune. Wir sind jetzt seit dreieinhalb Stunden unterwegs.
Das Krankenhaus, das wir in einem Halbtagesmarsch auf der Suche nach der Notambulanz durchqueren, findet er auch nicht schlecht, insbesondere die Automaten, aus denen flink und fleißig Schokoriegel heraussausen. Und ich? Gibt‘s hier keinen Kaffee, denke ich missmutig vor mich hin stapfend. Als ich endlich beim Doc bin, freut sich der Sohnemann schon auf den Anblick der ekligen Wunde und bringt sich in Position, um kein blutiges Detail zu versäumen. Er bekommt von der netten Schwester auch eine Spritze (zu Timmys Bedauern:„Da ist ja überhaupt keine Nadel dran!“, „nur für Wasser“, klärt die Schwester auf), mit der er unsere Wohnung durchnässen kann, während ich mich mit langweiligen Verbänden begnügen muss, die ich auf keinen Fall nass machen soll (So entwickeln sich Probleme!). Zwar will Timmy am liebsten wieder mit dem BUS nach Hause fahren, aber ich pfeife ihn zur U-Bahn, die freundlicherweise wieder fährt (ich hab nach fünf Stunden Exkursion Hunger, Durst, Langeweile…)
LEIDER muss ich zum krönenden Abschluss der Odyssee auch noch etwas einkaufen. Nach so vielen Stunden ist Timmys Bravseins-Tank restlos aufgebraucht, und das artige Wesen, das Stunden hinweg neben mir im Wartezimmer saß und brav sein Fußballheft studierte, hat sich in einen unkontrollierbaren Wirbelwichtel verwandelt, der chaotische Lautfolgen ausstoßend riesige Familien-XXL-Packs-Gummibärchentüten in seinen Pranken hält und nicht mehr loslassen will. Eine Oma stellt sich ostentativ daneben und beobachtet das Treiben. Mann, kann man nicht einmal seine Ruhe haben und damit meine ich nicht Timmy??? Ich befehle Timmy, die Tüten zuzulegen. Oma glotzt. Ich befehle Timmy wieder, die Tüten zurückzulegen. Oma schaut. Ich befehle …. Er legt sie zu meiner großen Überraschung wieder zurück. Allerdings greift er dafür nur noch weiter zu. Mann! Soll ich das alles kaufen? Was jetzt? Ich schaufle den Süßkram, der das Band entlangfluscht, mit meiner guten Hand dem Kassierer entgegen. Einer plötzlichen Eingebung folgend bitte ich ihn, das alles wieder zurückzulegen, kleiner Irrtum. Schnell weg! Der Freizeitspaß ist hiermit zu Ende.
Timmy – der seine Energien beim gemeinschaftlichen Verwüsten unserer Wohnung mit seinen Geschwister wieder in die richtigen Bahnen gelenkt zu haben scheint -  hat dem Doc gut zugehört: no sports, solange der Verband drauf ist. Daher schlägt er zum Ausgleich einen Gang im Stockdunklen zur Bibliothek vor. Coole Halloween-artige Nachtwanderung, so in dem Stil. Gut, trotz des Aussetzers im Supermarkt finde ich, das hat er verdient. Ich bin zwar platt wie eine Flunder, aber was soll’s, das bin ich ja immer. Abends teile ich daher die Kinder auf, d.h. ich nehme Timmy, den Rest muss mein Mann übernehmen. „Was, alle?“, stöhnt er. „Äh … ja.“ „Und was ist mit dem da?“ Ein Nachbarsjunge, der seinen Schlüssel vergessen hat, ist auch noch da. Der zählt aber leider überhaupt nicht, kläre ich meinen Mann auf, da brav/gehorsam/leise/nicht so wie unsere Kinder. „Sind also nur zwei, und Felicitas ist ganz klein, also bleibt nur noch Mario, und der ist ja schon groß und supervernünftig. Also bleibst Du sozusagen allein hier, während ich Timmy nehme! Tschühüß!“ Ich winke mit meiner großen Daumen-Hand und bin dann mal weg.

Freitag, 14. November 2014

Mithilfe im Haushalt!

Wie lernen Kinder? Das frage ich mich oft. Also, um präsize zu sein: Meine Frage lautet nicht: Wie lerne ich auf dem Ipad die tollsten Spiele herunterzuladen, youtube-Lieder herauszusuchen oder DVDs einzulegen, sondern so unliebsame Dinge wie Mithilfe bei der Hausarbeit?
Steter Tropfen höhlt den Stein? Repetitio est mater studiorum (sehr frei übersetzt: Nörgeln bis der Arzt kommt)? Schwierig, wenn ich mir die vielen Unterhosen, Jacken, Schuhe, Spielsachen ansehe, die auf dem Boden herumliegen. Viele Jahre Nörgeln haben es nicht gebracht.
Mein Mann musste früher um 4 Uhr früh aufstehen, und seinem Vater helfen, die Kühe zu melken. Die Zeiten und die Methoden waren hart! Sehr hart! Zum Glück für die Kinder haben wir keine Kühe. Das wissen sie leider nicht wirklich zu schätzen.
Ich habe schon oft von Kinderpsychologen gelesen, dass das elterliche Vorbild ja angeblich so superwichtig sei. Dezente Frage: Wie lange dauert das denn, bis es wirkt? Wenn ich Mario (7 Jahre) hochrechne: Sagen wir, er trägt seit 5 Jahren Unterhosen, die er herumschmeißen kann, dann hat er jetzt ca. 1825 Mal elterliches Vorbild/Belehrungen/praktische Übungen/nette & böse Worte etc. erhalten, dass diese Verhaltensweise nicht die korrekte ist. Wir rechnen noch bei Timmy (5 Jahre) 3 Jahre Unterhosenherumschmeißen (ca. 1095 Mal) dazu. Also ich glaube, ohne jetzt pessimistisch wirken zu wollen, ich werde die ersten Erfolge leider nicht mehr erleben. Und was ist mit Felicitas, werdet Ihr Euch vielleicht fragen? Felicitas findet, dass Unterhosen nicht auf dem Boden herumliegen und auch täglich gewechselt werden sollen. Einfach so. (Ist das so ein Männerding? Aber wieso kann das mein Mann dann ganz selbständig? Musste man sich vor dem Kühemelken die Unterhosen wechseln, um eine Geruchsbelästigung der empfindlichen Tiere zu vermeiden? Fragen über Fragen…)
Andere Sachen hingegen werden schnell gelernt. Zahnseide zum Beispiel. Soll man von frühestem Kindesalter an verwenden. Also werden flugs 5 Meter Zahnseide abgerollt und natürlich auch nebenbei 200 Blatt Toilettenpapier! (Frage: Nehme ich etwa 200 Blatt Toilettenpapier pro Sitzung??? Werfe ich sie neben die Toilette?... Ach ja, danke trotzdem dafür, sonst hätten wir ja Dauerverstopfung der Rohre.)
Oder dass das merkwürdige Kästchen, das sich manche Kinder vors Gesicht halten, Nintendo heißt und rasch angeschafft werden sollte, war in Nullkommanix klar. Die Kinder haben ebenfalls rasch gelernt, dass der direkte Weg (Mama fragen) oft nicht der schnellste ist, sondern man am besten gleich Opa aktiviert. Der kennt das Kästchen natürlich schon lange und hat auch eins davon zu Hause herumliegen (!).
Also, die derzeit gängige Empfehlung lautet: Lernen durch Erfahren der Konsequenzen. Nehmen wir dazu mal ein zugegebenermaßen etwas hypothetisches Beispiel: Mama sagt zum lieben Kinde: „Trödle nicht herum, sonst schließt der Supermarkt und ich kann Dir keine Bonbons mehr kaufen.“ Kind trödelt trotzdem (wie gesagt, hypothetisch), Laden ist zu, keine Bonbons. Kind lernt: Aha, ich muss mich beeilen, damit ich meine Bonbons bekomme.
Doch was machen wir mit den Unterhosen? Lassen wir sie einfach herumliegen, bis wir wie die Prinzessin auf der Erbse auf 2920 gebrauchten Unterhosen wandeln (Investitionsvolumen: ca. 3000 Euro, wenn wir Billig-Unterhosen nehmen) und darauf warten, bis ein Kind fragt, warum es hier so komisch riecht? Ich warne: Hier begeben wir uns auf sehr dünnes Eis! Wir Eltern sollten unsere Grenzen kennen und uns nie auf eine Wettbewerbssituation mit unseren Kindern im Ertragen von Unordnung/Dreck/Chaos einlassen, denn das Scheitern ist vorprogrammiert!
Die Wiederholungsmasche ist zugebenermaßen auch nicht wirklich der Knüller. Nervige Wiederholungen sind die Königsdisziplin der Kinder und ebenso das Ertragen derselben. Also, hier tritt ein rheumatischer Hobbyfußballer mit schwerem Übergewicht gegen die deutsche Nationalelf an! Aber natürlich: Dabeisein ist alles! (Moment, Ihr Lieben, ich mache kurz eine Pause, um ein paar Unterhosen einzusammeln.)
Vor kurzem dachten wir schon, wir hätten erste Erfolge, weil so wenige Unterhosen herumlagen. Das war aber, bevor wir das Sofa saubergemacht und die Polster abgenommen haben.

Freitag, 7. November 2014

Melk die Maus!

Ein Tag zum Mäusemelken. Es regnet Hunde und Katzen. Felicitas, meistens bestens gelaunt, greint den ganzen Nachmittag. Man gibt ihr Essen, sie greint. Man gibt Timmy Essen, er greint auch. Man gibt Timmy und Felicitas Puzzles, sie nehmen sie mit aufs Hochbett, werfen dann 98 Puzzleteile mit großer Begeisterung in alle Himmelsrichtungen, um anschließend darüber zu greinen, dass die Puzzleteile am Boden liegen. Dann greint Timmy, weil er von seinem älteren Bruder getriezt wird. Mario greint, weil Mama jetzt sehr, sehr böse ist. Timmy ist sowieso stinkbeleidigt und zieht Leine in den Garten. „Nimm bitte auch Deine Regenj….“ Tür schon zu. Was soll’s, denke ich ermattet. Kaum ist Timmy draußen, zischt auch sein Quälgeist hinterher. Felicitas greint, weil sie ohne Gummistiefel nicht mit darf. Probeweise setzt sie ihren Fahrradhelm auf. Sie holt auch noch ihr Laufrad. Ich sage: Gummistiefel. Und dabei bleibt’s. Grein! Grein! Grein! Zum Glück kommt gerade der geliebte Papa nach Hause. Als ich gerade erleichtert aufatmen will: Grein! Grein! Grein! Was ist denn jetzt schon wieder? Ich kann es einfach nicht mehr hören und ziehe meine Trumpfkarte: Felicitas, wir gehen in die Badewanne. Begeisterung riesig. Felicitas holt ihr Shampoo, woraus ich den vollkommen abwegigen und fehlerhaften Schluss ziehe, sie wolle ihre Haare waschen. Grein! Grein! Grein! Wieder raus! Grein! Grein! Grein! Ein nunmehr nacktes greinendes Kind mit gewaschenen Haaren will ohne Gummistiefel mit Fahrradhelm und Laufrad in den Garten. Was wollte ich damit noch mal erreichen???
Als die Jungs tropfnass sind, müssen wir sie irgendwann wieder hereinholen und trockene Sachen anziehen. Papa gibt Timmy einen stark klebenden Sirup, den dieser von ihm angefordert hatte. Dieser liegt nun in einer großen Lache um den stark klebenden Timmy herum auf dem Boden. Nina: Grein! Grein! Grein! Ich ziehe den Burschi zum dritten Mal an diesem Tag um. Die klebrigen Körperteile wasche ich trotz Protesten (grein!) im Waschbecken ab, denn eine Badewanne gibt es heute für niemanden mehr. Mario hat irgendwo in der Müllhalde, die mal unsere Wohnung war, eine Affenmaske gefunden. Er setzt sie auf, schleicht sich an Felicitas an und macht „WWWAAAAOOOORRRR“!!!!! Felicitas: GREEEEEEEINNNNNNN! (Kurze Zeit später: Felicitas hat die Affenmaske auf und geht zu Timmy: WWWAAAOOOLLLLLL!!!!! Timmy: Ich will auch die Affenmaske! Grein! Grein! Grein!)
In unserer Not sagt mein Mann, komm schnell, wir gehen einfach in unser Zimmer und lassen sie sitzen. Mal sehen, was sie dann machen. Ich flöte: „Wiedersehen, Papa und ich gehen jetzt Sex machen!“ (Achtung, liebe Zartbesaitete: Solche Sprüche haben wir von unseren Kindern!!!! Wir müssen uns von ihnen aufgrund des Einflusses der Schule ANDAUERND anhören, wer angeblich mit wem Sex macht.) Wir fläzen uns gemütlich auf die Bettcoach und schalten den Fernseher ein. Drei Sekunden später öffnet sich die Tür und die drei Schurken nehmen Anlauf und springen auf uns drauf. „Und, macht Ihr jetzt Sex?“ „Ja!“, behaupten wir müde. Alle drei schlingen sich völlig unbeeindruckt anaconda-artig um uns herum und starren auf den Bildschirm. Hat ja super funktioniert. Papa ist stinksauer und setzt zu einem leistungsstarken Vortrag über die Undankbarkeit dieser kleinen Menschen an… den Kindern macht das ja nichts aus, aber MIR! Schnell weg!
Ich bringe die Meute ins Kinderzimmer, d.h. ich versuche es: Wie kann das sein, dass sie in dieser kurzen Zeit DERART abgehaust haben!? Verdammt noch mal! Ich versuche wenigstens das Bett freizukriegen, d.h. erst mal muss es mir gelingen, die Türe zu öffnen, hinter der ein Riesenstapel von Kinderbüchern liegt, abgesehen natürlich von den immerhin nicht sehr sperrigen Puzzleteilen. Ich murmle böse Sprüche, in denen die Worte „Kinderheim“ und „Keller“ vorkommen. Psychische Folgeschäden oder Traumatisierungen sind nicht zu befürchten, denn erstens hört mir, sobald ich diesen bestimmten anklagend-jammernden Mama-Ton anschlage, eh keiner zu, außerdem sind die Kinder wieder zu Papa bzw. dem Fernseher zurückgerannt. Und ich such mir eine Maus, die ich melken kann. Irgendwo in dem Trümmerhaufen findet sich bestimmt eine.

Dienstag, 4. November 2014

Stressfreies Familienleben ist möglich!

 Dazu muss man nur einige einfache Grundregeln beachten:
1. Lassen Sie Ihre Kinder niemals in die Wohnung.
2. Gehen Sie niemals mit Ihren Kindern einkaufen.
3. Vermeiden Sie Konfliktthemen wie „Hausaufgaben“, „Geschwister geschlagen“ (na und?), „Kinderzimmer aufräumen“/„Wohnung verwüsten“/„Mithilfe im Haushalt“ (s. Punkt 1).
4. Trennen Sie Geschwister großräumig voneinander ab. Einmal sehen zu Gelegenheiten wie Geburtstag oder Weihnachten reicht vollkommen.
5. Geben Sie ihnen keine Spielsachen (s. Punkt 3).
6. Sehen Sie dringend davon ab, irgendwelche gemeinsamen Aktivitäten zu planen, die es von Ihnen verlangen, zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort zu sein!
7. Verlangen Sie nie von ihnen, ins Bett zu gehen, Ruhe zu geben, sich in irgendeiner Weise nach Erwachsenenmaßstäben „vernünftig“ zu benehmen.
8. Stellen Sie einen großen Topf mit Süßigkeiten hin und schalten Sie den Fernseher an.
PEACE!

Freitag, 24. Oktober 2014

Education 2.0

In der guten alten Zeit gab es ungefähr einen Erziehungsstil. Die Kinder sollten so viel wie möglich draußen herumlaufen und ihre Eltern nicht nerven. An Unterhaltungsprogramm gab’s Turnstunde, Fußball und/oder Flötenunterricht.
Heutzutage hingegen bricht ja eine Riesenwelle an Ratgebern, Kursen, Online-Elternportalen, Beratungsangeboten usw. über uns herein. Nun ja. Dem Spruch „Uns hat’s auch nicht geschadet“ stehe ich ehrlich gesagt schon ein wenig kritisch gegenüber, wenn man sich die erwachsenen Leute so anschaut (finde ich schon! Denn sonst wäre es um die Welt ja doch ein bisschen besser bestellt, oder?). Andererseits: Muss ein dreimonatiger Säugling echt in einen PEKIP-Kurs, einen Baby-Yoga-Retreat, eine Mama-Kind-Kuschel-Gruppe, frühkindliche Musikerziehung mit Blockflöte, oder kann er nicht einfach seine Milch trinken oder plärren? Kann ich einen vor Koliken wie einen Heißluftballon aufgeblähten Säugling mithilfe eines Bestsellers à la „Jedes Kind kann schlafen lernen“ dazu bringen, mit der nächtlichen Schreierei aufzuhören? Oder doch lieber mit „Windsalbe“ einschmieren oder eine superteure Spezial-Antifurz-Säuglingsmilch kaufen? Also, die gute Nachricht: wenn man den ganzen Mist durch hat, hören die Koliken altersbedingt ohnehin auf.
Der Normalfall ist sowieso: Der Fratz macht nicht das, was ihm von guten Ratgebern empfohlen wird. Aber liebe Eltern, einfach mal konsequent sein! Regeln! Die Einzigen, die gnadenlos konsequent sind, sind allerdings die lieben Kleinen: Sie machen konsequent nicht das, was von ihnen erwünscht wird. Ja, vielleicht werden sie es viele, viele Jahrzehnte später dennoch tun, aber JETZT nicht. Sie werden voraussichtlich bis ins hohe Alter (d.h. bis sie selbst Kinder haben) versuchen, heimlich Joghurtdeckel auf den Boden zu schmeißen statt in die Mülltonne. Und es macht einfach zu viel Spaß, das Geschwisterkind an den Haaren zu ziehen, als artig mit ihm pädagogisch wertvolle Lernspiele durchzuführen. Ja, leider! Denn ganz ehrlich, der ganze Erwachsenenscheiß ist einfach langweilig. Das wissen wir ja selbst, und wir brummen das den Kindern auch nur auf, weil wir es sonst selbst machen müssen. Wenn ich könnte, würde ich die Kinder dazu zwingen, meine Steuererklärung zu machen!
Aber ist das ein Lebensziel? Ich gestehe, dass das fantasto-anarchische Prinzip der Kinder mich fasziniert. Heute bin ich Raubritter! Heute baue ich eine Flugmaschine! Heute mache ich keine Hausaufgaben! Einfach, weil ich keinen Bock habe! Heute weine ich den ganzen Tag! Heute will ich alles mit Sonnencreme beschmieren! Heute laufe ich nackt herum! Heute sage ich zu allen Frauen „Hallo, du alte Oma!“
Selbstkritisch gesagt: Kinder würden wahrscheinlich gar nicht so viel Unsinn machen, wenn die Erwachsenen sie weniger nervten – mach dies, mach das; das auf keinen Fall, NEIN! NEIN! Kinder probieren alles aus, sind voller Einfallsreichtum – vor der keine Wohnzimmerwand verschont bleibt -, vorurteilslos und gutherzig. Hier wird gehandelt, keine Bedenken jongliert! Ja, ich glaube, es wäre um diese Welt wirklich etwas besser bestellt, wenn wir diesem Prinzip mehr Raum geben würden, und ich bin auch ein bisschen besorgt, dass die Kinder dieses im Laufe der Zeit ganz verlieren könnten.
In kleinen Ansätzen hat die Politik mittlerweile begriffen, dass wir Kinder brauchen. Aber wozu? Ja, man hat gemerkt, dass die Gesellschaft sonst zu alt wird, es fehlt der Nachwuchs, der als Beitragszahler neues Geld in die Rentenkassen spült, es fehlen die Fachkräfte, Hilfe (natürlich die jungen, idealerweise männlichen und ungebundenen, superflexiblen Fachkräfte, alte Säcke hamma ja genug)! Kleiner Haken: welche Frau sagt schon: Ja, wenn das so ist, dann zeugen wir jetzt halt einen weiteren Rentenzahler! Einen Superarbeiter für die Industrie, damit die noch mehr Geld scheffeln, prima! Und welcher Politiker sagt schon, wir brauchen Kinder, weil uns Schnarchnasen sowieso nicht Besseres mehr einfällt, als Formular 301646543a* zu erfinden, wir brauchen viel mehr Fantasto-Anarchisten!? Das ist zum Beispiel meine bescheidene Meinung :-).

Donnerstag, 16. Oktober 2014

Habe Idee für eine neue Frauen-/Familien-Zeitschrift

Titel „FÜR SIE (tu ich alles bzw. werde dazu gezwungen)“
Das Titelblatt sehe ich schon vor mir:
Genießen Sie den Herbst
Neue Kochtrends Laubsuppe, Tannenzapfen-Knödel mit Schnecken-Parfait und Hasenköttel-Kastanien-Melange
Gesundheitsnews: Euer Lärm, meine Ohrstöpsel!
Die neue Mode zwischen Gummistiefeln und Anorak
Mach’s mit Márquez: Die Liebe in den Zeiten der Cholera
Beauty Extrem-Experiment: Ein Jahr ohne Friseur
Wohnstyle totales Chaos in nur 3 Schritten
Workout: Experimentelle Kampfkunst mit Schwert, Holzstock und Stein

Donnerstag, 9. Oktober 2014

Ein ganz normaler Tag, den man nicht vor dem Abend loben soll

Heute erzähle ich einfach mal von einem ganz normalen Kinderprogramm. Ich hole die Kinder ab. Das Gespräch mit Timmys Erzieherin, die den Knaben über den grünen Klee lobt, insbesondere seine friedfertige Art („haut nie jemanden“), offenbart mir, dass anscheinend ein anderes Kind an seiner Stelle den Kindergarten besucht (Frage: was macht Timmy in dieser Zeit?). Nun gut, ich nehme den Jungen, den sie meint, mal mit. Wahrscheinlich tauschen sie irgendwann Identitäten, während „der mysteriöse Junge“ in den Büschen versteckt nach Heuschrecken und Schnecken stochert und ich mit Felicitas in immer länger werdenden Armen auf ihn warte. Aber schön – Felicitas klettert ganz gegen ihre Gewohnheit fast nicht auf dem Kinderwagen herum –, sie spurtet zur Garderobe und holt freundlicherweise sogar Timmys Sachen. Auf dem ca. 200 Meter weiten Weg haben wir eine kurze Krise, da Felicitas auf einen Spielplatz gehen will, was aber nicht geht, da wir noch auf Mario warten müssen. Die Krise steigert sich zu einem ausgewachsenen Wutanfall, nachdem ich auf die abwegige Idee kam, die Schale von Felicitas' Banane in einen Mülleimer zu werfen. Felicitas will auch keine neue Banane, sondern diese Schale! Oder vielleicht auch nicht! Man kann nicht heulen und denken gleichzeitig! Ich ziehe den Kinderwagen und versuche das schreiende Mädel da irgendwie festzukeilen.
Endlich daheim! Eine Flut von Kinderschuhen und Jacken ergießt sich auf den Boden. Halt, so nicht, meine Lieben! Bitte alles einsammeln und aufräumen! Kurze Zeit darauf kommt Mario nach Hause, er wirft die Jacke und Schuhe aber nicht auf den Boden, sondern gleich in einem weiträumigen Stillleben vor die Haustür – super. NÖRGEL!!!!
„Wie war es in der Schule?“
„Grmpf.“
„Hausaufgaben?“
„Grmpf.“
„Ich schau mal in den Hausaufgabenheft.“
„Nein, brauchst Du nicht….“
Sehr verdächtig, aber damit kann mich jetzt nicht beschäftigen, da Timmy Felicitas an den Haaren zieht und ich außerdem große Pläne habe: Ich mache Pizza! Als die Jungs das spitzgekriegt haben, versuchen sie große Stücke aus dem rohen Teig zu reißen und ihn aufzuessen (Warum füttere ich sie nicht einfach mit rohem Hefeteig, sondern habe die Zwangsvorstellung, dass man da irgendwas draus backen muss???). Schluss mit dem Schabernack! Mario wird weggepfiffen, Timmy darf den Teig ausrollen, während Felicitas mit großem Appetit die für die Pizza vorgesehenen Oliven vertilgt.
Dann sind alle Kinder plötzlich weg und ich belege fröhlich meine Pizza: „Erwachsenen-Pizza“ mit Zwiebeln und Oliven, „Mario-Pizza“ nur mit Tomatensoße und Käse, „Timmy-Pizza“ mit Salami ohne Käse und „Felicitas-Pizza“ mit Oliven und Käse – aber das muss allerdings sehr schnell gehen, da die nicht vorhandene Geräusch- und Kampfkulisse nur maximal 60 Sekunden lang unerforscht toleriert werden darf, sonst kann Schreckliches passieren. Ich höre Mario im Schlafzimmer poltern und die Worte „Erfindungen“ und „basteln“ und meine Alarmglocken schrillen – „Erfindungen“ und „basteln“ bedeutet im Wesentlichen, dass unsere Wohnung zerstört wird, indem Möbel auseinandergebaut und mit Tesa zu bizarren Formationen wieder zusammengeklebt werden. Ich tille umgehend aus und verbiete ihnen streng, das Kinderbett auszuleeren und umzudrehen oder die Gitterstäbe zu entfernen und als Schwerter zu benutzen und weitere wie auch immer geartete Aktionen, die sich mit den Worten „Erfindungen“ und „basteln“ umschreiben lassen.
Endlich ist die Pizza fertig. Das Ganze ist relativ gut gelungen, es gibt nur leichte Reklamationen wegen vorhandener ca. 1 mm großer Zwiebelfragmente in der von mir selbst zubereiteten Tomatensoße (JAJA! Super, gell!), die ich anscheinend nicht klein genug püriert hatte, als ich meinen Nervenzusammenbruch wegen unerlaubtem Extrem-Basteln hatte. Felicitas klettert zu mir hoch und klaubt die Oliven von meiner Pizza. Überraschenderweise essen alle brav und manierlich und ich denke, wir haben die Wohnung jetzt genug bearbeitet, wir gehen in den Garten. Die Jungs spielen/hauen sich und manschen mit dunklen Beeren herum, die sie auf ihrer Kleidung zu verstreichen versuchen. Als ich ihnen das verbiete, beschmieren sie Felicitas. Seufz… bitte auch Felicitas nicht anmalen.
Gegen 7 wollen mein Fitnesstrainer Timmy und ich laufen gehen. Leider heult dieser um 7 Uhr volles Rohr, aufgrund nicht näher eingrenzbarer Misshandlungen durch seinen Bruder. Gut, wenn der eine nicht will, nehme ich halt den anderen, der auch nicht will, mit. Als Fitnesspapst Timmy das hört, saust er plötzlich zur Tür hinaus und flitzt die Treppen herunter. Er kommt doch mit! Ich lasse von dem unwilligen Mario ab und rase hinterher. Also, ich finde, er übertreibt es mit den „Super-Attacken“. 37 Super-Attacken!!! Wie soll ich das schaffen? Timmy rutscht am Spielplatz die Rutsche herunter, während ich außenherum flitzen muss. Immerhin bekomme ich einen Tannenzapfen und drei Steine als Pokal, da ich heute zur Gewinnerin erklärt werde. „Timmy, ich glaub nicht, dass ich schneller war als Du.“
„Doch, doch! Darfst Du behalten! Du hast heute mal gewonnen!“
Gönnerhaft tätschelt er meine Hand. Anscheinend soll meine Motivation wieder ein wenig gesteigert werden.
19.40: Boff! Mit hängender Zunge komme ich heim. Ich versuche wieder mal heimlich zu duschen. Das ist so ein Spiel bei uns: Wie viele Sekunden dauert es, bis das erste Kind in Millisekunden ausgekleidet (oder auch nicht) bei mir in der Wanne sitzt. Verdammt, sie haben es bemerkt! Erst kommt Timmy, dann Mario, dann Felicitas. Mir ist die Lust vergangen, außerdem muss ich jetzt den feuchten Berg Kinderklamotten vor der Badewanne sortieren und neue Sachen holen. Idealerweise wäre ich auch selbst angezogen, aber Felicitas klettert schon wieder aus der Wanne und rennt nass davon. Schnell einfangen!
21.10 Die Jungs schlagen sich auf meinem Bett. Felicitas saust mit Puppe und Kinderwagen herum. Ich bin böse! Schlafenszeit!
21.21 Felicitas will Wasser trinken.
21.27 Felicitas will noch mehr Wasser trinken.
21.32 Felicitas will auf die Toilette.
21.42 Felicitas sitzt immer noch auf der Toilette.
21.43 Ihre Augen quellen leicht über, ein gutes Zeichen. Toll, wenn man keine Windeln mehr braucht.
21.44 Schade, nicht richtig getroffen. Ich putze die Toilette, wasche Felicitas und ziehe ihr neue Sachen an.
22.05: Hoppla, das ist aber spät geworden. Ich muss nur noch den Geschirrspüler ausräumen und die zweite Waschmaschine des Tages ausleeren und aufhängen.
22.17: Fertig!
22.26: Pum! Heul! Felicitas ist aus dem Bett gefallen und weint. Ich tröste sie. Schnüffel… wieso riecht es hier so komisch? Verdammt, irgendjemand hat hier herumgepieselt. Ich bin stinksauer und ziehe die Bettwäsche ab.
22.46: Ich höre meinen Mann mit Timmy debattieren. Ich hole Timmy und lege ihn in mein Bett, da schläft er bestimmt gut. Mensch, ich muss unbedingt mein Handy aufladen. Und meinen Computer checken. Eigentlich wollte ich auch noch Marios Büchertasche filzen, denn er hatte ja so komische Bemerkungen gemacht, dass ich da NICHT reinschauen sollte.
23.15: Ich geh jetzt doch mal ins Bett. Ich sinke müde hernieder und schrecke wieder hoch: Wieso ist es hier schon wieder so nass? Das kann ja wohl nicht wahr sein … Ich ziehe Timmy um und wieder Bettlaken ab.
00.00: Kann nicht schlafen.
5.00: Felicitas rumort im Babybett. Sie steigt aus und kommt zu mir. Kann es sein, dass dieses Kind auch nass ist??? Ich ziehe Felicitas um, ziehe das Bettzeug ab und mache die erste Waschmaschine an.
6.45: Selbstverständlich bin ich superfit und gut ausgeschlafen, mache leichte Dehnungsübungen und etwas Yoga, dann trinke ich einen Kräutertee und starte fröhlich in den Tag. GUTER WITZ! Ich bin platt wie eine Flunder, erschrecke vor meinem Spiegelbild und WEHE, ICH HÖRE JEMANDEN HERUMSTREITEN, HERUMGRÖLEN, HERUMGREINEN ODER HERUMFLENNEN! - Was ist dann? Na, dann kommt der nächste Tag.